Kulturfahrt nach Lucca, Pisa und Vinci

 

Donnerstag, 17. Mai 2007

Erster Tag

Erika Waldschmidt


Ja, es ist wieder einmal soweit. Aus dem Kalender leuchtet, zitronengelb markiert, der 17. Mai 2oo7. Auf diesen Tag haben wir lange hingefiebert. Wir haben schon vor geraumer Zeit Reiseführer gekauft und studiert. Nichtsdestotrotz ist die Neugier groß, was uns diesmal alles erwarten wird. Bereits um 5.3o Uhr geht es los. Das bedeutet also früh ins Bett. Doch das Reisefieber macht sich bemerkbar und lässt uns kaum schlafen - aus Angst, man könnte den Wecker überhören. Schon seit Tagen beobachten wir argwöhnisch den Wetterbericht und im Internet nehmen wir die Vorhersagen für den Süden kritisch in Augenschein. Leider sieht es nicht besonders gut für uns aus, aber warten wir es ab.

Um 4.3o Uhr erwartet uns Regen! Nach einem von Nervosität gezeichneten Frühstück werden die Koffer geschnappt und mit aufgespanntem Schirm geht es zur Bushaltestelle. Wir haben Gott sei Dank nicht weit. Viele unserer Mitreisenden haben sich schon eingefunden und sind trotz „dieser Wetterlage“ frohen Mutes. Noch zwei Haltestellen und dann geht es zügig Richtung Süden. Der erste Stopp ist wie fast immer beim Rosenberger zum kurzen „Hallo-wach Kaffee“. Dann setzen wir unsere Fahrt über den Brenner in Richtung Süden fort. Der Himmel zeigt sich alsbald von allen dunklen Wolken reingewaschen. Ich glaube, jeder von uns war doch irgendwie in freudiger Erwartung auf das erste Ziel. Wir kehren noch einmal kurz zur Mittagspause an der Autobahnraststätte ein. Auf der Weiterfahrt zeigt sich die Landschaft bereits im typisch südländischen Stil. An kilometerlangen Baumschulen (die größten in Europa) geht es unserem ersten Reiseziel „Pistoia“ entgegen.

Diese Stadt ist auch die Hauptstadt der Provinz Pistoia. Schon der erste Blick auf sie erinnert einen irgendwie an eine Theaterkulisse. Man sieht sich in eine andere Zeit versetzt. Wir besuchen als erstes den Domplatz mit seinem typisch italienischen Ausmaß. Hier kann man sich bewegen, hier trifft sich alles, um Neuigkeiten auszutauschen. Er ist Kommunikationszentrum und doch ruft alles eine gewisse Ehrfurcht hervor. Die Architektur der damaligen Zeit nimmt den Betrachter gefangen. Bei diesen Ausmaßen der Gebäude und der Größe des Platzes kommen wir uns so klein wie Ameisen vor. Allein die Farbkombinationen der Gesteinsarten, die beim Bau der Gebäude und vor allem des Domes verwendet wurden, beeindrucken immer wieder aufs Neue. Dies gilt auch für die Leichtigkeit der Säulen am Dom. Man meint, es müsse fast jeden Moment alles zusammenbrechen. Über der obersten Galerie thronen auf dem Giebelabschluss die beiden Patrone des Domes, San Zeno und San Jacopo. Oberhalb des Haupteingangs befindet sich ein Relief der Madonna mit dem Jesuskind aus dem Jahre 15o5. Der Innenraum besticht wiederum durch die beiderseitigen Säulen, welche den Blick direkt zum Alter lenken. Die Decke ist wie ein umgedrehter Schiffsrumpf gestaltet. Diese Technik lässt sich in vielen italienischen Kirchen finden. Ich fühle mich fast wie auf einem Dachboden. Der Silberaltar, an dem sich fast über drei Jahrhunderte die verschiedensten Künstler verewigt haben, stellt das Glanzstück der Kirche dar. Allein an diesem Kunstwerk könnten wir Stunden verbringen, um die Szenen und Abbildungen zu bestaunen und zu studieren. Ganze Künstlergenerationen haben hier Szenen aus der Schöpfungsgeschichte und dem Leben der Heiligen gestaltet. Nach einer gewissen Zeit nimmt man fast nichts mehr auf und ist regelrecht erschlagen von der Vielfalt, die auf einen einfällt. Ständig entdecken wir wieder etwas Neues. Es gäbe noch vieles aus dieser Kirche zu erwähnen, aber wir müssen weiter zum nächsten Objekt, zum Baptisterium. Allein schon der Anblick ist grandios. Die grün-weiße Marmorverkleidung dieser Taufkirche lenkt jegliche Aufmerksamkeit auf sich. Über dem Hauptportal ist Johannes der Täufer dargestellt. Im Inneren zieht uns das Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert in seinen Bann. Treten wir aus dieser Taufkirche hinaus, nimmt uns der Blick auf den gewaltigen, 67 m hohen Campanile gefangen. Von diesem Turm hätte man mit Sicherheit eine traumhafte Aussicht über die ganze Gegend. Es kribbelt einen fast, dort hinaufzusteigen, aber es wird nun Zeit, langsam unser Ziel “Lucca“ zu erreichen.

Wenn man sich in der Runde umsieht, sind die meisten schon etwas müde und freuen sich auf den Abend: Eine Pizza mit allem Komfort oder einfach etwas Italienisches, etwas „Nudeliges“ und dazu das obligatorische Glas Wein. Mensch, was willst Du mehr? Ich jedenfalls freue mich darauf - und morgen sehen wir weiter.


Freitag, 18. Mai 2007

Zweiter Tag – Vormittag

Andrea Helmer

„Guten Morgen, Ingrid – aufstehen und frühstücken und dann auf nach Lucca!“ So begrüße ich an diesem ersten Morgen in Italien meine „neue“ Doppelbettnachbarin.
So gestärkt begibt sich die Gruppe „Alt Füssen“ an diesem Morgen auf den Weg nach Lucca.
Meine Erwartungen sind groß, denn in sämtlichen Reiseführern der Toscana wird die Stadt als feiner ‚Edelstein’ bezeichnet.
Unsere Gruppe läuft an der lauten Ausfallstraße entlang Richtung Stadtmauer und wird beim Überqueren der breiten Straße mit typisch italienischem Hupkonzert zu einer schnelleren Gangart aufgefordert. Avanti, Avanti – ein bisschen schneller. Wir müssen schließlich zur Arbeit!
Nun – wir nicht! Über die Porta Vittorio Emanuele, eines der vier festungsartigen Tore steigen wir auf den Stadtwall, der eine Gesamtlänge von 4,2 km hat und noch vollkommen intakt ist. Diese Mauern mussten allerdings keiner einzigen Belagerung standhalten, lediglich 1812 einem Hochwasser des Serchio. Auf der wunderbar schattigen Platanenallee laufen wir Richtung Dom. Vom Stadtwall aus schaut man auf die Rückseite des Domes San Martino und auf den gleichnamigen Platz. An der nächsten Rampe verlassen wir den Wall und nähern uns dem Dom. Im 6. Jahrhundert gegründet, im 8. bereits Bischofssitz, im 12. und 13. grundlegend umgestaltet, innen im 14. und 15. restauriert – all diese Veränderungen hat der Dom relativ unbeschadet überstanden. Besonders hübsch empfinde ich das Wechselspiel von weißem und rotem Stein an den Eingängen des Domes sowie die reich verzierten Zwerggalerien an der Fassade. Die dreischiffige Pfeilerbasilika macht innen einen relativ dunklen Eindruck. Jedoch nach und nach entdeckt man die Kostbarkeiten des Domes, wobei der größte religiöse Schatz, das Volto Santo (heiliges Antlitz), datiert zwischen 1170 und 1220, ein Holzkruzifix in einem zierlichen oktogonalen Tempelchen von Matteo Civitali zu sehen ist. So sucht jeder für sich im Dom seine Eindrücke zu festigen (sei es der Giambologna-Altar, die Jünglingsgestalt ‚Johannes der Evangelist’ oder aber das Grabmal von Ilaria el Carretto). Nach dem Verlassen des Domes gibt es auf dem Vorplatz regen Gedankenaustausch unter der Gruppe.
Vorbei an herausgeputzten Stadtpalästen wandern wir weiter durch die Città von Lucca und landen schließlich in der Via Guinigi, an deren linken Seite der wohl bekannteste Turm der Stadt auftaucht. Sein Markenzeichen sind die Steineichen auf dem Dach. Hier teilt sich nun die Gruppe und ich entschließe mich, die ca. 240 Stufen nach oben zu steigen. Von dort hat man einen herrlichen Blick über die schöne Backsteinstadt, die Straßen und Gassen im römischen Schachbrettmuster, die kleinen Terrassen und Hinterhöfe. Wieder auf dem Boden von Lucca gehen wir zielstrebig zu unserem Treffpunkt, dem perfekten Oval der Piazza del Mercato, ehemals ein römisches Amphitheater. Bis sich hier alle versammelt haben, genieße ich im Cafe meinen Latte macchiato und beobachte das rege Treiben auf diesem geschäftigen Platz.
Wir beenden unseren Rundgang durch Lucca mit einer kleinen Mittagspause und freuen uns alle schon auf unsere Nachmittagsexkursion in den Giardino di Marlia.
Fazit für mich: Ein Vormittag für Lucca ist lediglich ein paar Seiten Stadtgeschichte aufgeschlagen zu haben und ein Wiedersehen wäre schön – schon alleine Puccinis wegen, der hier 1858 geboren wurde. Da wäre noch die Pinacoteca Nazionale, der Palazzo Mansi, die Villa Guinigi, das Puccini-Museum, San Frediano und........vielleicht Puccinis Lieblingstorte ‚riso e cioccolato’ im Caffè di Simo zu probieren.




Freitag, 18. Mai 2007

Zweiter Tag, Nachmittag

Alfred Wintergerst


Auf dem Programm steht: Besuch der Villa Reale in Marlia (Barockgarten)
Da bin ich aber gespannt, habe ich doch eine Schwäche für historische Gartenanlagen.

Von Lucca aus fährt der Bus ein paar Kilometer nördlich. Toni findet die Abzweigung nach Marlia. Doch Marlia ist eine richtige Stadtrandsiedlung ohne Mittelpunkt. Wir suchen nach einem Hinweisschild Villa Reale und fahren zunächst in die falsche Richtung. Ein Passant ist uns dann behilflich.

Ein enges Strässle entlang einer Mauer bringt uns ans Ziel: Vor einem Gittertor ein wenig attraktives Haus, dem eine Restaurierung gut anstünde. Dort gibt es Eintrittskarten und ein Faltblatt.

Nun also los. Ein leicht geschwungener Weg führt uns zu einer Freifläche. Das haben wir dem Parkplan entnommen. Ich bin wie viele von uns überrascht. So etwas habe ich nicht im Traum erwartet: Nördlich des Weges ein italienischer Barockgarten mit einem Adelssitz, der Villa im Hintergrund, südlich unseres Weges ein Landschaftsgarten im englischen Stil als Gegenstück! Da bleibt mir nichts anderes übrig als zu staunen und auf Bitten einiges über diese Gartenstile aus dem Stegreif zu sagen.

Die Freifläche wird symmetrisch von Baumreihen begrenzt. Von Bäumen verdeckt, kommt man zu einem rechteckigen Wasserbassin, das eine Grotte abschließt. Vor dem Bassin stehen Hunderte von Zitronenbäumchen sauber ausgerichtet in Tonkübeln, ein reizender Anblick. Es ist der Giardino di Limoni. Dahinter folgt eine weitere Überraschung, das Teatro di Verdura, ein von hohen Bäumen gesäumtes kleines Amphitheater, wo Bühne und Bühnenrahmen aus kunstvoll gestutzten Hecken und Einzelsträuchern bestehen. Selbst uns Alte lud das zum Auftritt und Versteckspielen ein.

Und dann im Süden der Landschaftsgarten in leicht abfallendem Gelände, am tiefsten Punkt abgeschlossen durch einen kleinen See. An seinem Ufer einige Statuen. Verschiedenartige Bäume begrenzen den Park in ihren unterschiedlichen Formen, geschwungene Wege durchziehen ihn. Von einer Villa del Vescovo blickt man über diese Vielfalt. Eine Pan-Grotte erinnert an antike Mythen. In den Park ist ein spanisches Gärtchen eingebettet.

Beim Wandeln durch die Parkanlagen hat man ganz die Hitze des Tages vergessen. Die spürt man erst wieder, als wir uns alle zur Abfahrt des Busses zusammenfinden.

Nun fahren wir über Bagni di Lucca im engen Tälchen des Serchio zwischen Apuanischen Alpen und Apennin zum Ponte della Maddalena: Ein imposantes Bauwerk, wahrscheinlich aus der Zeit der Mathilde von Tusczien (11. Jahrhundert).
In vier verschieden großen Bögen – der mittlere ist fast 19 m hoch und an die 38 m breit – überspannt die Steinbrücke den Fluss, der einmal sicher reißend war. Heute ist er aufgestaut, und die Brückenpfeiler ertrinken teilweise im angestauten Wasser.

Sagen ranken sich um diese Brücke. Eine davon erzählt, der Baumeister habe den Bau nicht termingerecht vollenden können. Da habe er den Teufel zu Hilfe gerufen. Dem sollte aber das erste Wesen, das die Brücke überschreite, gehören. Man griff zu einer List und trieb einen Hund oder ein Schwein darüber. Der Teufel verschwand in einer Schwefelwolke im Fluss. Daher rührt auch der heutige andere Name: Ponte del Diavolo (=Teufelsbrücke).

Dem Wechsel der Zeiten hat sie standgehalten und zeugt von mittelalterlicher prächtiger Baukunst.

Was für ein eindrucksvoller Nachmittag. Eine Einkehr war da nicht nötig.

 

 

 

Samstag, 19. Mai 2007

Dritter Tag

Magnus Peresson



Die Schar der erwartungsvollen Alt Füssener hat sich vollzählig vor dem Hotel eingefunden, so dass die Abfahrt pünktlich wie geplant beginnen kann. Auf nach Pisa!

Wir haben die „direttissima“ gewählt, die Landstraße, die von Lucca aus über einen kleinen Pass auf dem kürzesten Weg nach Pisa führt. Aus den Wäldern links und rechts ragt immer wieder ein aus braunen Steinen gemauerter, düsterer Turm, nutzloser Hüter einer einst wichtigen Straße. Von der Passhöhe aus zeigt sich im Morgendunst die weite, bis zum Meer reichende Ebene und, für das gute Auge bereits sichtbar, die grau-rote Gebäudemasse von Pisa.

Bald haben wir die Stadt erreicht, stoßen auf die Stadtmauer und fahren an ihr entlang und schon ist der „Schiefe Turm“ zum Greifen nahe. Doch jetzt zwingen Halteverbote unseren Chauffeur weiterzufahren; zu niedrig gebaute Unterführungen und Einbahnregelungen lenken auf großem Umweg zum riesigen „Bus Terminal“. Ein städtischer Linienbus bringt uns von dort schnell zurück zum Dombereich. Durch ein buntes Gewimmel meist afrikanischer Händler suchen wir unseren Weg bis zum Stadttor.
Im Schatten der Mauer stehend, warten wir bis alle aufgeholt haben.

Dann gehen wir nur ein Dutzend Schritte weiter und der weit gespannte Torbogen bildet jetzt einen eindrucksvollen Rahmen für ein überwältigendes Bild. Eine märchenhaft grüne Wiese auf der sich, gebaut aus feinstem carrarischen Stein, die herrlichsten Bauwerke italienischer Romanik erheben, Dom, Schiefer Turm und Baptisterium. „Piazza del Miracoli“, Platz der Wunder, nennen die Pisaner diesen staunenswerten Ort, doch zum Staunen bleibt vorerst keine Zeit. Irgendwo wartet ja schon unser „guida“, den wir bald finden, obwohl wir ihn noch nie gesehen haben. Er ist zu meiner Überraschung ein junger Münchner Kunsthistoriker, der in der Toskana lebt. Ich raune ihm noch schnell zu, dass wir ein historischer Verein sind und aus einer Totentanz-Stadt kommen und dass uns deshalb besonders die „Bilder des Todes“ im Campo Santo interessieren. Schon stimmt die Chemie und unser Führer nimmt uns heraus aus dem Gewoge der vielen Menschen und dem Gewirr der Stimmen, hinein in die Stille des Campo Santo, hinein in einen der berühmtesten Friedhöfe der Welt.

Genau in der Mitte des Campo, den man sich wie einen riesigen, lang gestreckten Kreuzgang vorzustellen hat, nehmen wir auf den noch kühlen Marmorstufen Platz und hören einen geistreichen Vortrag über Geschichte und Kunstgeschichte von Pisa.
Überzeugend ist die These, dass die Geburt der Renaissance nicht in Florenz stattgefunden hatte, sondern in Pisa und hier schon 150 Jahre früher als es die Kunstgeschichte bisher lehrt.

Pisaner Bildhauer hatten schon um 1300 begonnen, die hervorragenden römischen Sarkophage im Campo mit den lebensnahen Darstellungen des Menschen zu kopieren und damit die Grundlagen für die Wiedergeburt der Antike geschaffen.
Dann wechseln wir vom sonnigen Hofraum hinüber in den großen Saal, zum Triumph des Todes, wo in großartiger Darstellung der Ursprung der europäischen Totentänze, die Begegnung der drei Lebenden mit den drei Toten beeindruckt:
„Was ihr seid, sind wir gewesen.
  Was wir sind, werdet ihr sein.“
Eine höfische Gesellschaft trifft während einer fröhlichen Jagd auf drei Leichen in den verschiedensten Stadien der Verwesung, für jeden Betrachter Anregung, sich mit den letzten Dingen auseinander zu setzen.
In einem der prächtig gekleideten Reiter will man ein Portrait Kaiser Ludwig des Bayern erkennen. Der hatte, so erinnern wir uns gern, für ein Mitbringsel aus Pisa (eine kleine Madonnenfigur) in Oed-Tal/Ettal eine Kirche erbauen lassen.
Dabei fällt mir ein, dass er die Kirche von Ettal, einen Zentralbau, an dem Vorbild von San Vitale in Ravenna ausrichten und den Grundstein am 28. April 1330, am Tag des heiligen Vitalis, legen ließ.
Dem Betrachter offenbaren sich an Orten wie hier augenscheinlich die spirituellen Verbindungen, die kreuz und quer über den Erdkreis verlaufen, sich von einem wichtigen Ort zum anderen, von dem einen bedeutenden Platz zur nächsten denkwürdigen Stätte spannen, ein unsichtbares Gespinst, in dem sich trotzdem der Reichtum und die Größe unserer Kultur offenbart.
Vorbei an ungezählten Grabsteinen, an den Büsten einst berühmter und heute längst vergessener Männer durchschreiten wir den Gang, verharren kurz vor der Allegorie der Weisheit, einer Frau mit entrücktem Gesicht und einem Halbmond im Haar und werden uns erst im Weitergehen bewusst, dass jeder unserer Schritte den steinernen Verschluss einer Gruft berührt.

Wir wechseln hinüber zum Dom.
Schon an den Mauern mit ihren exakt zugehauenen Quadern ist zu erkennen, dass die Bauleute ähnlich wie am Turm mit dem wenig tragfähigen Untergrund zu kämpfen hatten: der ganze Mauerzug eines Bauabschnittes hatte sich dermaßen gesenkt, dass die Fortsetzung mit geänderter Schichtung erfolgen musste.
Der Dom, eine fünfschiffige Basilika mit Querhaus, empfängt uns mit der gleichen mystischen Stimmung wie die Kirchen in Pistoia, nur dass hier Höhe und Breite, Dicke und Art der Säulen einem anderen Maßstab folgen und dass hier in das Halbdunkel des Hauptschiffes das Gold einer Kassettendecke schimmert.
Wir staunen und wir staunen noch mehr vor der Kanzel (1302 – 1312) von Giovanni Pisano mit ihrem reichen Figurenschmuck, der wie schon gehört, die Geburt der Renaissance ankündigt.
Im Seitenschiff weist unser Führer auf einen Platz über dem Portal hin, wo sich das Grab Kaiser Heinrichs VII. befunden hat, eines Herrschers, dessen Geldnot sich nachhaltig und in hohem Maße ungünstig auf die Entwicklung Füssens auswirken sollte.
Es gilt noch einen Blick auf die Domtüren aus Bronze zu werfen, ehe wir den mit Marmorplatten belegten Weg zum Baptisterium nehmen.
Das Baptisterium, ein romanischer Rundbau, wirkt durch die filigrane Gliederung seiner Fassaden wie ein kostbares Reliquiar. Die auf einer Achse sich gegenüber liegenden Türen von Taufkirche und Dom gestatteten im geöffneten Zustand den ungehinderten Blick vom Taufbecken zum Altar.
Das ursprüngliche Dach des Baptisteriums glich in seiner Form einem auf dem Kopf stehenden, oben offenen Trichter, so dass sich das im Zentrum stehende Taufbecken unter freiem Himmel befand – eine Erinnerung daran, dass die Taufe Jesu unter freiem Himmel stattgefunden hatte.
Die Art und Weise aber, wie diese Reminiszenz architektonisch-konstruktiv umgesetzt wurde, ist wohl ohne Beispiel in der Baugeschichte Europas.
Leider wurde der „Trichter“ schon bald mit radial ausgerichteten Mauern umgeben und unter einem glockenförmigen Dach verborgen.
Vor Jahren ist es mir einmal möglich gewesen, in diese Dach-Trichter-Konstruktion hinein zusteigen. Als wir das gleiche – sozusagen als Krönung unseres Besuches – versuchen, verkündet an der fraglichen Türe ein Schild: „Chiuso per restauro“. Schade!

Mittlerweile ist es Zeit zu essen. Ein bisschen erschöpft suchen wir ein Restaurant und wenig später sitzen alle unter hellen Sonnenschirmen, wo der „Padrone“ selbst unsere Wünsche aufnimmt. Bald verstummen die Gespräche, weil jeder damit beschäftigt ist, die Erzeugnisse der toskanischen Küche, ein „Achtele“ Rotwein und hinterher einen Espresso zu genießen.

Gesättigt und ausgeruht gilt nun unser Interesse dem nahen Dommuseum. Gleich hinter dem Eingang bewundern wir das hölzerne Modell des Doms. Es ist so über einen begehbaren Schacht gestellt, dass man hinuntersteigen und den Kopf von unten in das Modell stecken kann. Große Ideen erfordern eben ungewöhnliche Methoden.
Ein paar Räume weiter stehen wir vor dem aus Carraramarmor gehauenen Grabmal Kaiser Heinrichs VII. oder besser vor dem Figurenschmuck, der ursprünglich im Dom Teil eines ungewöhnlichen Grabmals gewesen war.
Erinnern wir uns: Für weitere Unterstützung auf seinem Italienzug (1310-1313) hatte Kaiser Heinrich VII. am 1. Juni 1313 die Stadt Füssen zum Gegenwert von zehn gepanzerten Reitern an den Bischof von Augsburg verpfändet. Noch waren die Pferde nicht gesattelt, als der Kaiser verstarb (23. August 1313). Da das Pfand nie eingelöst wurde, verblieb Füssen beim Hochstift Augsburg bis zu dessen Auflösung im Jahre 1803.
Vor uns also steht, flankiert von jeweils zwei Ratgebern, die Statue des Kaisers – das heißt der Kaiser sitzt auf einem so hohen Stuhl, dass er die stehenden Ratgeber um Kopfgröße überragt.
Die Hände fehlen, aber die Stellung der Arme lässt den Schluss zu, dass der Kaiser einmal Szepter und Reichsapfel gehalten haben muss. Der in den Korpus nur lose eingesetzte Kopf ist leider beschädigt. Ein Teil der Nase fehlt, ebenso Teile der Krone. Das Gesicht wurde mit Sicherheit nach der Totenmaske gearbeitet:
Hohe Augenbrauen, ausgeprägte Backenknochen und die schadhafte Nase erinnern eher an das Gesicht eines Faustkämpfers als das eines deutschen Kaisers.

Der Rest ist schnell erzählt. Nach dem Verlassen der kühlen Museumsräume bleibt noch ein wenig Zeit, den Dom zu umrunden, noch einmal die herrlichen Domtüren zu bewundern oder die eine oder andere römische Spolie im Mauerwerk zu entdecken. Ein paar Unentwegte steigen auch auf den schiefen Turm, der seinen Ruhm zwar seiner Schieflage verdankt, der aber ohne Zweifel ob seiner gekonnten Gestaltung der schönste Glockenturm der Welt ist.

Unser letztes Ziel ist, San Piero a Grado westlich von Pisa, eine mächtige, schmucklose Basilika.Im Inneren des Bauwerkes findet zwar eine Taufe statt, doch können wir, ohne die festlich gekleidete Gesellschaft zu stören, im westlichen Teil einen Blick auf die Reste jener frühen Anlage werfen, die ihre Entstehung der Überlieferung verdankt, dass der heilige Petrus hier zum ersten Mal italienischen Boden betreten habe.

Einem spontanen Einfall folgend, fahren wir der schon tief stehenden Sonne entgegen hinaus an das nur wenige Kilometer entfernt liegende Meer.
Einige von uns laufen barfuss durch den feinen Sand, einer nimmt sogar ein Bad im noch eisigkalten Meer, andere sitzen in einer der Strandcafeterien und trinken je nach „Gusto“ Campari oder Capuccino.
Angesichts des tiefblauen Wassers, der schon rötlich verfärbten Sonne, der funkelnden Reflexionen auf den Wellen sowie der seidigen Luft stellen wir uns die verwegene Frage: „Wie lebt eigentlich Gott in Frankreich?“

 

 

Sonntag, 20. Mai 2007

Vierter und letzter Tag

Walter Danzer


Die letzte heiße und laute Nacht im Hotel Napoleon in Lucca war vorbei. Pünktlich um 8.00 Uhr begann die Rückfahrt mit einem Abstecher nach Vinci. Vorbei an vielen Baumschulen, Weingärten hinein in eine prachtvolle hügelige Toskana-Landschaft, mit Olivenhainen und Obstgärten fuhren wir durch Vinci zu einem etwas außerhalb gelegenen Parkplatz. Hier war Überraschung angesagt.

Zu Fuß erreichten wir mit wenigen Schritten das Geburtshaus von Leonardo da Vinci, ein für heutige Begriffe fast armselig wirkendes Bauernhaus, als kleines Museum mit Unterstützung der Weltfirma IBM eingerichtet, auf einem Bergrücken mit herrlicher Fernsicht gelegen, umrahmt von alten Olivenbäumen. Anscheinend abseits jeglicher Zivilisation, macht man sich als Besucher schon Gedanken, wie ein hier geborenes, superintelligentes Kind als Mann aufgrund der genialen Fähigkeiten bekannt und damit berühmt wird, so dass ihn seit Jahrhunderten die Menschheit kennt und seine weit vorausschauenden Ideen, Erfindungen und vor allem praxisorientierten Werke bewundert.

In der auf einem Bergrücken gelegenen Kleinstadt Vinci wurde eine längere Pause eingelegt, um sowohl die Werke und Schriften von Leonardo da Vinci in mehreren Gebäuden des Museums in Ruhe zu besichtigen als auch das Mittagessen auf dem Gelände der ehemaligen Burg aus dem 11. Jahrhundert einzunehmen.

Ich glaube, dass im Museum mancher von uns Probleme hatte. Was sollte man im Einzelnen mehr bewundern? Die zum Teil Jahrhunderte im Voraus fixierten und in Modellen vorgestellten Ideen oder die Vielfalt und Vielzahl der Objekte und Darstellungen. In Florenz hatten einige Teilnehmer letztes Jahr in einer Videoshow und in einzelnen Projekten schon viele Erfahrungen gesammelt und das Schaffen Leonardo da Vincis bewundern können:
Einen hölzernen Baukran, der zum Bau der Domkuppel in Florenz verwendet wurde, eine Art Auto Maschine, ein Lauf-Tretrad mit Lederantriebskette, eine Baumstammbohrmaschine zum Aushöhlen der Stämme, um als Wasserleitung verwendet zu werden, mehrfach umgesetzte Flaschenzüge für das Heben schwerer Lasten. Kanonengeschütze, sogar Vorläufer von Maschinengewehren, einen Panzer fast nur aus Holz gebaut, viele Spinn- und Webereimaschinen, ein Paar schwimmfähige Wasserlaufski einschließlich Gleichgewichtsstöcke/Paddel und vieles mehr.
Es würde den Rahmen dieser Zeilen sprengen, weitere Einzelstücke darzustellen, aber ein Besuch sei jedem Toskana-Reisenden zu empfehlen. Keiner wird es bereuen.

Ein blumenüberwuchertes Haus konnte man beim Abstieg zum Busparkplatz noch bewundern und pünktlich um 14.00 Uhr begann die Rückfahrt, wiederum durch eine einmalige Landschaft der Toskana – Herz, was willst du noch mehr?

Über Bologna, Verona, Bozen, Brenner wurde das Rasthaus Rosenberger im Inntal erreicht und nach kurzer Rast kamen wir gegen 22.00 Uhr am heimischen Endziele an.

1. Vorsitzender Magnus Peresson ließ zuvor nochmals den Ablauf der 4-Tagesfahrt Revue passieren und dankte allen, die zum harmonischen Ablauf beigetragen hatten. Der kräftige Beifall und die Spenden bestätigten, dass der Ausflug abwechslungsreich, hoch interessant, in einmalig schöner Landschaft und zur vollen Zufriedenheit der Teilnehmer verlaufen war. Mit anderen Worten: Allen hat es gefallen und den Organisatoren ein großes Lob.

 

 

Sonntag, 20. Mai 2007

Vierter und letzter Tag

Elmar Linder


Nicht ohne einen gelinden Anflug von Melancholie trat unsere Gruppe nun die Heimreise an. Einer derartigen Stimmungslage offensichtlich Rechnung tragend, verordnete uns unser trefflicher Cicerone und Mentor eine Route, die auf Nebenstrassen durch die liebliche toskanische Hügellandschaft führte und so ein Gegengewicht zu den bisher gewonnenen, vorwiegend urbanen Eindrücken bildete. Die Tausende und Abertausende wohl gepflegter Ölbäume, durchmischt mit romantischen Busch- und Baumgruppen, lassen es umso erstaunlicher erscheinen, dass die Darstellung der Landschaft doch relativ spät eine Rolle in der Malerei zu spielen beginnt. Sehr schön zu beobachten war auch die allmählich sich vollziehende Umstellung von der traditionellen toskanischen Terrassenbewirtschaftung auf  die maschinengerechte Hangbewirtschaftung. Es bleibt zu hoffen, dass das Maschinenzeitalter den romantischen Reiz dieser Landschaft nicht allzu gravierend beeinflussen wird.

Dieser Tag war dem Universalgenie Leonardo da Vinci (eigentlich Leonardo de Ser Piero da Vinci, wobei vinci ursprünglich Weidenruten bedeutet) gewidmet, dessen herrlich gelegenes Geburtshaus dem Urbild eines kleinen toskanischen podere (bäuerlicher Pachthof) entspricht, auf dem das Leben über Jahrhunderte hinweg in stets gleichbleibenden Bahnen ablief.

Der abschließende Besuch des Borgo Vinci (borgo = Burgflecken) selbst, dem die neue Zeit glücklicherweise wenig anhaben konnte, galt dem in der dortigen Rocca untergebrachten Leonardo-Museum, das den Schwerpunkt auf das ingenieurtechnische Wirken Leonardos legt. Sehr schön ausgeführte Modelle seiner Konstruktionen und Reproduktionen seiner Entwürfe hierzu, gewähren im intimen Rahmen des kleinen, aber feinen Museums einen guten Überblick über diesen Teil des Lebenswerks des wohl größten praktischen Genies, welches das Abendland je hervorgebracht hat. Nicht zuletzt deshalb wird sein Name auch denjenigen stets ein Begriff bleiben, die den Belangen von Kunst und Kultur eher fern stehen. Es möge die Spekulation erlaubt sein, was wohl geschehen wäre, hätte sich dieser umfassende Geist auch dem Gebiet der Kraftmaschinen, d. h. der Umsetzung der Kraft des Dampfes in Arbeit, zugewandt. Vorarbeiten hierzu sind ja bereits in vorchristlicher Zeit geschehen. Wir denken hier nur an Heron von Alexandria und dessen Aeolipile (eine kleine Dampfturbine). Welchen Anschub hätte doch die Technik erhalten und um wie viel früher wären die feudalen und halbfeudalen Strukturen der damaligen Gesellschaft durch eine bürgerliche Gesellschaft abgelöst worden. Lediglich für die Nutzbarmachung der überschüssigen Kräfte der weniger erfreulichen Elemente der Gesellschaft, zu der seinerzeit die Galeeren dienten, hätte eine elegante Lösung gefunden werden müssen.

Auch die Weiterfahrt bis zur Autobahn, auf Straßen, deren Führung wohl seit dem Mittelalter
unverändert geblieben ist, war dank der artistischen Geschicklichkeit unseres Busfahrers ein ungetrübter Genuss. Zwar müde, aber doch glücklich über die Fülle des Gebotenen traf die Gruppe gegen 22.00 Uhr wieder in der Heimat ein.