Gegen Morgen in der grauen Frühe

Zur Geschichte des Lechrains


Max Zinterer
Wißner-Verlag   Augsburg 2006
188 Seiten   59 sw. Abbildungen
ISBN 978-3-89639-572-6;   Euro 19,80


Der Augsburger Wißner-Verlag ist zu einem bedeutenden Verlagshaus geworden, das sich der Geschichte und Kultur von Bayerisch-Schwaben widmet. Seine Publikationen dienen einerseits der Wissenschaft, andererseits gestaltet er auch Bücher, die ein breiteres Publikum ansprechen.

Zwischen beiden Bereichen liegt die Neuerscheinung zur Geschichte des Lechrains von Max Zinterer. Darin kommen Regional- und Universalgeschichte zu ihrem Recht, wie es dem Historiker Franz Schnabel stets vorschwebte.

Lechrain meint die an den Lech östlich angrenzenden Gebiete. Der Verfasser beschränkt sich im engeren Sinn auf den Raum zwischen Landsberg und Rain am Lech, besonders auf die Bereiche östlich von Augsburg zwischen Friedberg und Aichach. Dabei wechselt er mehrfach die Perspektive: Der Lechrain von Augsburg aus und Augsburg vom Lechrain aus betrachtet. Dies verleiht Zinterers Arbeit einen eigenen Reiz.

Der Autor bewegt sich nicht auf ausgetretenen Pfaden. Er versucht vielmehr, auch jüngste Erkenntnisse einzuarbeiten, wie es auch die Anmerkungen und das umfangreiche Literaturverzeichnis belegen. So vermittelt er z. B. Arno Rettners Beitrag zur frühen Geschichte der Bajuwaren durchaus sinnvoll. Zudem ist die Ausstattung des Buches mit Karten, Zeichnungen und Bildern ansprechend, überlegt und sachdienlich gestaltet.

Der Titel des Buches stammt aus einem Gedicht des frühen Bert Brecht. Dies deutet darauf hin, dass Zinterers Arbeit nicht in einer trockenen Sprache verfasst ist, sondern vielmehr bildhaft-anschaulich gewählt ist, was bei der Lektüre immer wieder überrascht. Dies trägt nicht unwesentlich zum Verständnis nüchterner Funde und Befunde bei. So werden auch Archäologie und Geschichte einander näher gebracht.

In dem Buch liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf dem Frühmittelalter; die Merowingerzeit gerät in den Focus. Doch auch andere Zeiträume werden untersucht und erörtert, soweit sie für den Lechrain von Belang sind.

Die Vor- und Frühgeschichte vor der Römerzeit wird dabei besonders im Hinblick auf die Kelten behandelt. Die herausragende Bedeutung Manchings tritt klar zutage.

Als äußerst wechselvolle Geschichte bietet der Autor die Römerherrschaft im süddeutschen Raum dar. Dieses halbe Jahrtausend sieht Zinterer nicht als Zeit der Ruhe.

Hauptort der Römer in Rätien ist zunächst Kempten. Erst unter Kaiser Hadrian wird dann Augsburg als Provinzhauptstadt manifest. Die Augustusstadt entwickelte sich schließlich auf einer viermal so großen Fläche wie vorher Kempten. Seine multiethnische Bevölkerung umfasste an die 15.000 Menschen; die Römer waren dabei in der Minderheit. Die römischen Streitkräfte überfremdeten. Während der provinzialrömischen Zeit war der Lech kein Grenzfluss: Die Provinzhauptstadt wirkte über den Fluss hinweg nach Osten.

Beim Kernthema des Buches, der Wiederbesiedlung des Lechrains im frühen Mittelalter, unterscheidet der Verfasser vier Phasen: Die ersten drei durch die Alemannen von West nach Ost und die vierte durch die Bajuwaren von Ost nach West. Da für die 4. Phase kaum Bodenfunde vorliegen, wird diese Aufsiedlung mit Hilfe der Ortsnamen erschlossen. In diesem Zusammenhang erfährt auch der berühmte Text des Venantius Fortunatus eine neue Interpretation.

Es beeindruckt, wie kritisch der Autor bei der Siedlungsgeschichte mit der Ortsnamensforschung umgeht und wie er daneben Ergebnisse der Archäologie vorsichtig einbindet.

Aus dem Zusammen- und Widerspiel geistlicher und weltlicher Grundherrschaften in nachfolgenden Jahrhunderten zeigt sich bei der Lechgrenze ein Auf und Ab von Wellenbewegungen, das erst mit der Westverlagerung von Bayerns Grenze an die Iller in napoleonischer Zeit ihr Ende findet.

Zinterer hat keine umfassende Geschichte des Lechrains beabsichtigt. Dies hätte den Rahmen eines handlichen Buches gesprengt. Er hat aber wesentliche Beiträge erarbeitet, die den Lechrain in Geschichte und Gegenwart besser verstehen lassen. Dass für den Lechrain südlich von Landsberg bis Füssen ein vergleichbares Werk fehlt und wünschenswert wäre, wird vom Rezensenten mit Bedauern festgestellt.



Alfred Wintergerst