Bayrhoff -Sturm - Heel - Hitzelberger

Ergänzungen zu den jeweiligen Werkverzeichnissen

Von Herbert Wittmann, Biessenhofen


Gliederung

Vorwort

Opens internal link in current window1. Georg Bayrhoff (1614-1681)
1.1 Musau/Tirol
1.2 Oberpinswang/Tirol
1.3 Burk (Stadt Marktoberdorf)/Ostallgäu
1.4 St. Alban (Görwangs, Gem. Aitrang)/Ostallgäu

Opens internal link in current window2. Anton Sturm (1690-1757)
2.1 Bernbeuren/Weilheim-Schongau
2.2 Marktoberdorf/Ostallgäu
2.3 Wolfegg/Baden-Württemberg

Opens internal link in current window3. Peter Heel (1696- 1767)
3.1 Rettenberg/Oberallgäu
3.2 Wertach/Oberallgäu
3.3 Schattwald-Rehbach/Tirol
3.4 Bach-Schönau/Tirol
3.5 Seifriedsberg/Oberallgäu

Opens internal link in current window4. Johann Sigmund Hitzelberger (1745-1829)
4.1 Steeg-Lechleiten/Tirol
4.2 Osterbuch (Gem. Laugna)/Dillingen
4.3 Breitenwang/Tirol

Kruzifixe
4.4 Reutte/Tirol
4.5 Füssen/Ostallgäu
4.6 Pfronten-Rehbichel/Ostallgäu
4.7 Holzleuten (Gem. Rückholz)/Ostallgäu
4.8 Weißensee (Stadt Füssen)/Ostallgäu

Vorwort

Im Verlauf einer ausdauernd betriebenen „Feldforschung“ sammeln sich – meist langsam, manchmal jedoch auch ziemlich rasch – immer wieder neue Erkenntnisse. Wenn es sich dabei um Bildhauerarbeiten handelt, über deren Meister schon berichtet wurde, so mag im Einzelfall wenig Interesse an einer sofortigen Veröffentlichung bestehen. Als „Viererpack“ jedoch können die erstmals ausgesprochenen Zuweisungen das nötige Gewicht aufbringen, um gemeinsam publiziert zu werden.

Bei allen aufgeführten Werken handelt es sich um Neuzuschreibungen.

1. Georg Bayrhoff (1614-1681)

1650 noch als Bräu  (= Bierbrauer) aufgeführt, wird Georg Bayrhoff in der Steuerbeschreibung von 1675 Bildhauer und Bierprey  genannt. Als Bilthauer zu Fiessen  signierte er bereits 1658 eine Figur, deren Torso in Nesselwang erhalten geblieben ist.

1.1 Musau/Tirol


Kapelle in Brandstatt-Saba Zwei Leuchterengel

Eng verwandt mit den Leuchterengeln im Museum der Stadt Füssen,  geben sich die beiden Musauer Engel als sehr frühe Arbeiten Bayrhoffs zu erkennen. Auch anatomische Unstimmigkeiten – typisch für Bayrhoffs Frühversuche – legen eine Datierung um 1650/55 nahe.  

1.2 Oberpinswang/Tirol


Katharinenkapelle Maria mit Kind    

Es handelt sich um eine unverkennbare Bayrhoff-Schöpfung, wie der Vergleich mit der signierten Schmerzensmutter in Lachen und der Muttergottes in Pfronten-Röfleuten  rasch bestätigt.  Auffälligstes Merkmal ist das Engelsköpfchen unter dem Fuß der Gottesmutter. Als Entstehungszeit kommen wohl auch die Jahre um 1660 in Frage.

1.3 Burk (Stadt Marktoberdorf)/Ostallgäu


Filialkirche St. Sebastian
Pietà

In der einschlägigen Literatur wird die Gruppe dem Kemptener Bildhauer Hans Ludwig Ertinger zugeschrieben.  Für diesen ist die Arbeit jedoch, mit Verlaub gesagt, zu schlecht. Viele Einzelheiten sprechen hingegen für seinen Füssener Zeitgenossen: Die Fältelung des Kopftuchs, der Augenschnitt und die wulstigen Lippen der Gottesmutter ebenso wie die „eingeschnürte“ Taille des toten Christus. Als Datierung könnte wieder „um 1660“ zutreffen.


1.4 St. Alban (Görwangs, Gem. Aitrang)/Ostallgäu


Wallfahrtskirche St. Alban (Sakristei)
Auferstehungschristus

Die gut gelungene Figur dürfte um 1670 entstanden sein und beweist, dass Georg Bayrhoff – dem sie ziemlich sicher zuzuschreiben ist – im Laufe der Zeit hinzugelernt hat. Das Standmotiv und die Faltengebung wirken z. B. recht überzeugend.
Zum Vergleich bietet sich die Figur des hl. Sebastian in Birnbaum an (signiert und datiert, 1665) . Deren Brustkorb ist ganz ähnlich ausgearbeitet. Der Kopf wiederum findet beim Palmesel-Christus von Pfronten (aus dem Jahr 1672)  seine nächste Entsprechung.
Vermutlich stammt der Auferstandene (mit einem Metallnimbus des 19. Jahrhunderts) aus der Aitranger Pfarrkirche, die ja dem Füssener Kloster St. Mang inkorporiert war und im 19. Jahrhundert neu ausgestattet wurde.

2. Anton Sturm (1690-1757)

Um wenige Wochen zu spät für mein chronologisches Werkverzeichnis vom Vorjahr ergaben sich die drei folgenden Neuentdeckungen. Dies ist vor allem deshalb ärgerlich und schade, weil es sich zumindest bei der Wolfegger Gruppe um eine bemerkenswerte und wichtige Arbeit Anton Sturms handelt.

2.1 Bernbeuren/Weilheim-Schongau

      

Hof 1
Hauskruzifix

Auf dieses typische Sturm-Kruzifix machte mich Herr Johann Waibl, Dattenried, schon vor längerer Zeit aufmerksam, doch es gelang mir damals nicht, es ausfindig zu machen.   

2.2 Marktoberdorf/Ostallgäu


Pfarrkirche St. Martin
Kanzelputto

Um 1735 entstanden, ist die Kanzel insgesamt von auffälliger Schlichtheit. Nur wenige  Puttenköpfchen, ein Christus Salvator in der Mittelnische des Kanzelkorbs und ein großer Putto über der Volutenkrone des Kanzeldeckels dienen ihr als figürlicher Schmuck.
Wegen des exponierten Standorts, der eine genaue Betrachtung erschwert, aber wohl auch deshalb, weil es sich „nur“ um einen einfachen Putto handelt, unterblieb bisher eine kunsthistorische Bestimmung und Wertung des Engelkindes.
Zunächst fällt auf, dass sich der die Kanzel bekrönende Putto deutlich von den Puttenköpfchen an der Kanzel unterscheidet, auch von jenen an den Wolkenballen, auf denen der Putto steht: Er hat viel größere Augen und ganz andere Locken. Zudem ragt seine Plinthe über die Standfläche hinaus. Wie es scheint, war er ursprünglich wohl gar nicht für seinen jetzigen Standort bestimmt. Die beiden unterschiedlichen Flügel lassen ebenfalls auf eine nachträgliche Veränderung schließen
In seinem gesamten Erscheinungsbild (auffällig „stolze“ Haltung!) wie auch in allen Details (z. B. typische Ausformung der Kniescheiben) verweist das reizende Engelkind auf seine Herkunft aus der Sturm-Werkstatt. Allzu erstaunlich ist dies nicht – immerhin ist der Füssener Bildhauer, wie man weiß, mit acht weiteren Figuren in der Kirche vertreten.

2.3 Wolfegg/Baden-Württemberg


Pfarrkirche St. Katharina
Hl. Sebastian mit Putto

Anlass für einen erneuten Besuch der Wolfegger Pfarrkirche im Frühsommer 2008 war die geplante Ausstellung über den Baumeister Johann Georg Fischer in Marktoberdorf. Obgleich ich das Gotteshaus und seinen Figurenbestand gut kannte,  war mir die Sebastiangruppe  zuvor nicht besonders aufgefallen. Ich hatte sie früher sogar schon fotografiert, aber ich vertraute damals dem Kirchenführer, in dem definitiv zu lesen steht:
„Johann Wilhelm Hegenauer aus Türkheim schuf die Kanzel (1749), … sowie den hl. Sebastian mit dem pfeilziehenden Engelkind (um 1750) am hinteren Schiffspfeiler.“
Es bedurfte des zeitlichen Abstands und der intensiven Beschäftigung mit dem Werk Anton Sturms, um mir den Blick für seine Art zu schärfen.
Ohne jeden Zweifel geben sich sowohl der Märtyrer wie auch der kleine Putto als exzellente Werke des Füssener Bildhauers zu erkennen. Alles „stimmt“ – von den gerollten Locken des Sebastian bis hin zu seinen verräterischen Kniescheiben. Die beiden Figuren sind polierweiß gefasst, nur die Schamtücher und die Flügel des Engelkindes sind vergoldet. Dies ist völlig „normal“. Auffallend und merkwürdig hingegen ist die Farbgebung des Baumstamms: Er prangt geradezu in einem intensiven Rot, gleicht einer riesigen Koralle, und steht damit im größtmöglichen Kontrast zu den Figuren und den schwarzen Pfeilen.
In Wolfegg  sind mehrfach Künstler aus unserer Gegend  tätig geworden.  Die Vergabe eines Auftrags auch an Anton Sturm ist nicht erstaunlich, denn immerhin stand er in einer besonders engen Verbindung zu Johann Georg Fischer, dem Baumeister der Kirche.

3. Peter Heel (1696- 1767)

Das Werkverzeichnis des vornemmen Bildhauers zu Pfronten  kann ebenfalls um mehrere interessante Arbeiten bereichert werden.

3.1 Rettenberg/Oberallgäu

      
Pfarrkirche St. Stephan (Sakristei)
Kruzifixus    

Die ungefasste Figur  des lebenden Christus am Kreuz wird in der Sakristei verwahrt und entging deshalb meinen früheren Nachforschungen. Deutlich sichtbare Holzanstückelungen verlangen eigentlich zwingend eine Fassung. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Figur abgelaugt und geschliffen wurde. Sie ist engstens verwandt mit einem archivalisch für Heel belegten Kruzifix in Weißensee.

3.2 Wertach/Oberallgäu

      
Kapelle St. Sebastian („Kleine Wies“)
Kruzifixus

Eine spätmittelalterliche Pestkapelle wurde 1762/63 weitgehend durch einen größeren Neubau ersetzt. Der Baumeister, Bernhard Metz aus Attendorf in Westfalen, war jedoch kein „Fremder“: Er kam im nahen Jungholz zur Welt, welches damals zur Pfarrei Wertach gehörte.
Der virtuos geschnitzte Gekreuzigte in der Kapelle zeigt alle kennzeichnenden Merkmale für die Hand Peter Heels: eine angeschnitzte Dornenkrone, Nägel durch das Handgelenk, steil abgewinkelte Arme usw. Als sehr ähnliches Vergleichsbeispiel kann das etwas kleinere und ältere Vortragekreuz in Speiden angeführt werden.  Passend zur Entstehungszeit der Kapelle kommt eine Datierung um 1765 infrage.
Eine Figur der Schmerzhaften Muttergottes unterhalb des Kruzifixes, zu klein für dieses und deshalb ursprünglich wohl nicht zugehörig, hat nichts mit Heel zu tun. Dagegen könnte das kleine Kreuz in der Tabernakelnische des Choraltars ebenfalls von ihm stammen.

3.3 Schattwald-Rehbach/Tirol


Kreuzkapelle
Kruzifixus (?)      

„Sie wurde 1838 erbaut und birgt ein wertvolles Kruzifix“
Eigentlich spricht nichts dagegen, auch dieses eindrucksvolle Kruzifix ohne Wenn und Aber Peter Heel zuzuschreiben. Denn an diesem Gekreuzigten lassen sich ebenfalls (fast) alle Kennzeichen für den Pfrontener Bildhauer feststellen. Allerdings ist die Körperhaltung (wie  auch die Ausarbeitung des Brustkorbs) ein wenig anders als beim Speidener Kreuz. Freilich ließe sich dies leicht erklären: Das Rehbacher Kreuz könnte  früher entstanden sein – vielleicht schon um 1720. Es diente ursprünglich wohl auch als Hauskreuz und war auf starke Untersicht konzipiert.
Gegen eine sichere Zuschreibung steht jedoch die Aussage des Kapelleneigentümers, sein Kruzifix sei „eine Tiroler Arbeit“, was „durch Kunstexperten eindeutig festgestellt“ worden sei. Für Ortsfremde sollte noch ergänzt werden, dass Rehbach zwar jenseits der Landesgrenze, aber sehr nahe bei Pfronten liegt und von dort sogar leicht zu Fuß erreicht werden kann.

3.4 Bach-Schönau/Tirol


Kapelle zu Ehren der Maria vom Guten Rat
Vier Puttenköpfchen

     
Die Kapelle wurde 1732 erbaut.  Kurz danach dürfte auch der stuckmarmorne Hochaltar entstanden sein. Vier Puttenköpfchen am Auszug des Altars lassen sich mit einiger Wahrscheinlichkeit Peter Heel zuweisen. Zum nötigen Vergleich wurden die ihm zu Recht zugeschriebenen Arbeiten an den Seitenaltären in Kranzegg herangezogen.
Es sei daran erinnert, dass sich in der Schönauer Kapelle eine weitere Arbeit befindet, die bereits Heel zugeschrieben werden konnte.  Die Neuzuschreibung ist im Übrigen unabhängig vom Material der Köpfchen (Holz oder Stuck?), denn Heel hat z. B. in Pfronten-Heitlern auch in Stuck modelliert.

3.5 Seifriedsberg/Oberallgäu


Pfarrkirche St. Georg
Krippenfiguren       


Farbtafel 4: Seifriedsberg, Pfarrkirche: Maria mit dem
Jesuskind, Peter Heel zuzuschreiben, um 1750.

Für die alte, 1969  abgebrochene Pfarrkirche von Seifriedsberg ist Peter Heel mehrfach tätig geworden.   Ihm sind auch einige äußerst qualitätvolle Krippenfiguren der Kirche zuzuschreiben, soweit sie jedenfalls aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen:
Maria mit dem Kind, halb sitzend (Höhe 0,85m), und Josef (Höhe 0,95m) stammen ebenso von Heel wie ein kniender Hirte (0,79m). Letzterer, ebenfalls mit der Krippe aufgestellt, trägt jedoch eine für einen Hirten völlig unpassende Tonsur (und war ursprünglich vielleicht ein hl. Dominikus?).
Eine ebenfalls von Petzet aufgeführte „kniende Frau“  (Höhe 0,70m) fehlte, als ich im Januar 2006 die Krippe fotografieren konnte, ebenso wie eine Heiliggeisttaube und die Köpfe von Ochs und Esel. Ob auch diese letztgenannten Arbeiten mit Heel zu verbinden sind, lässt sich momentan nicht sagen.

4. Johann Sigmund Hitzelberger (1745-1829)

Viel zu wenig bekannt ist immer noch der begabte Pfrontener Bildhauer Johann Sigmund Hitzelberger, ein Sohn von Maximilian Hitzelberger (1704-1784). Wie dieser verband er die Bildhauerei mit dem Amt des Pfarrmesners in Pfronten-Berg. Immerhin aber besuchte Johann Sigmund ab 1759 die Wiener Akademie und bildete sich dort auch bei Hofbildhauer Tabotta weiter. Bessere Grundlagen konnte es damals für einen jungen Künstler kaum geben!
Bis zum Tod des Vaters ist nie ganz auszuschließen, dass auch dieser in irgendeiner Weise an den Arbeiten des Sohns beteiligt war – und umgekehrt.

4.1 Steeg-Lechleiten/Tirol

Kapelle
Zwei Altarfiguren (Hll. Wendelin und Ulrich)   

Der Altar trägt zwar die Jahreszahl 1766, aber die beiden Figuren könnten auch etwas später entstanden sein. Gert Ammann hat sie, allerdings mit Fragezeichen, dem Josef Anton Renn zugeschrieben, war sich also seiner Sache nicht sicher.
Meine Zuweisung an den jungen Johann Sigmund Hitzelberger kann sich auf mehrere recht  überzeugende Vergleichsbeispiele stützen: Eng verwandt zur Figur des Wendelin ist die Figur desselben Heiligen auf dem Hochaltar von Grän, die ebenfalls Hitzelberger zuzuschreiben, aber deutlich später entstanden ist. Der auffällige Bauch und die Gewandfalten des hl. Martin lassen sich in ganz ähnlicher Art beim hl. Joachim am südlichen Seitenaltar in Pfronten-Berg beobachten. Auch die „florale“ Haarbehandlung zeigt sich bei den Pfrontener Figuren, besonders deutlich beim Christus am Hochaltar. Geradezu kennzeichnend für die Hitzelberger ist der Heiligenschein, zunächst einmal in seiner Form, mehr aber noch durch den Umstand,  dass er sogar hinter Hut und Mitra angebracht wird. Dies ist bei anderen Bildhauern unüblich. Die extrem dünnen, sich halbrund hochbiegenden Stoffecken finden wir auffallend oft bei den Arbeiten des Johann Sigmund, z. B. auch bei seinen späten Figuren an den Seitenaltären in Pfronten-Ösch.

4.2 Osterbuch (Gem. Laugna)/Dillingen


Pfarrkirche St. Michael
Zwei Hochaltarfiguren (Hll. Josef und Antonius von Padua)

Baumeister der 1768 errichteten Kirche war der aus Reutte stammende Johann Bernhard Nigg, ein später Vertreter der „Füssener Bauschule“. Und der stuckmarmorne Hochaltar konnte als Werk des Faulenbacher Stuckators Josef Fischer identifiziert werden.  Deshalb kann es nicht allzu sehr verwundern, dass für das Gotteshaus in Nordschwaben noch ein weiterer Künstler aus unserer Gegend tätig geworden ist.
Der Pfrontener Bildhauer Johann Sigmund Hitzelberger hat ohne jeden Zweifel die Seitenfiguren am Osterbucher Hochaltar geschaffen. Denn der dort aufgestellte Antonius ist ein fast identisches Ebenbild des hl. Paschalis Baylón am Margaritha-Altar in der Füssener Franziskanerkirche. Diese Figur wiederum stammt unbestritten ebenfalls von ihm.
Am Osterbucher Altar befinden sich auch mehrere Putten und Engel. Im Gegensatz zu den beiden Hauptfiguren habe ich sie bei meinem Besuch der Kirche (im Juli 2001) nicht einzeln fotografiert. Vielleicht sind auch diese Engelkinder Arbeiten von Hitzelberger, aber ohne genaue Untersuchung ist eine Aussage darüber nicht möglich.

4.3 Breitenwang/Tirol

Kapelle zum hl. Koloman auf der Lähn
Zwei Figuren (Hll. Wendelin und Rochus)

Die südlich von Breitenwang gelegene Kapelle wurde 1805 erbaut.  Auf die beiden Figuren, die in der Kapelle seitlich auf Konsolen stehen, lässt sich auch das Baudatum sehr gut übertragen. Denn es handelt sich bei ihnen ganz offensichtlich um Spätwerke Hitzelbergers. Neben den bereits genannten Merkmalen zeigen seine Heiligen – so auch hier – meist relativ plumpe Handrücken und -flächen. Beliebt bei ihm ist auch der breitkrempige Hut (siehe Wendelin in Grän und Lechleiten, Koloman in Ösch!). Auch das Motiv der zertretenen Krone  lässt sich bei ihm ein weiteres Mal nachweisen, nämlich beim hl. Ludwig von Toulouse in der Füssener Franziskanerkirche.

Kruzifixe

Dieses heikle Thema verlangt einen eigenen Vorspann!
Fest steht: Johann Sigmund Hitzelberger hat eine ganze Reihe bemerkenswerter Kruzifixe geschaffen. Archivalisch bezeugt ist z. B. eine Serie von vier Kruzifixen für die Schulsäle im Schulhaus von Pfronten-Ried.

      

Das Problem besteht nun darin, dass sowohl der Vater, Maximilian Hitzelberger  (1704 – 1784), wie auch der jüngere Bruder, Franz Xaver Hitzelberger (1747 -1829), ebenfalls eine heute unübersehbare Zahl von Kruzifixen geschnitzt haben – viele davon in Privatbesitz und kaum eines durch Signatur oder Rechnung sicher zuweisbar.  Alle drei Hitzelberger arbeiteten zudem, wie es scheint, sehr ähnlich, so dass es schwierig ist, ihre Hände zu unterscheiden.
Wenn ich trotzdem das Wagnis eingehe, mehrere bislang mit keinem Bildhauer in Verbindung gebrachte Kruzifixe dem Johann Sigmund zuzuschreiben, so gehe ich davon aus, dass dieser auf Grund seiner Wiener Schulung wohl „höfischer“ gearbeitet hat als sein Vater und der Bruder. Der Unterschied soll durch die Gegenüberstellung zweier Kruzifixe erläutert werden:
Der Kruzifixus im Refektorium des Füssener Franziskanerklosters stammt mit Sicherheit von Maximilian Hitzelberger (Zuschreibung bereits bei Schröppel ). Auf seine Hand verweisen insbesondere auch die beiden Assistenzfiguren (Maria und Johannes). Kennzeichen des Gekreuzigten sind der kräftige Körperbau, fast waagerecht ausgestreckte Arme und eine völlig waagerecht verlaufende Beckenachse

Das zierliche Altarkreuz in der Pfarrkirche von Reicholzried lässt sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Johann Sigmund Hitzelberger zuschreiben. Denn von ihm stammen ja  auch alle anderen Altarfiguren.  An diesem Kruzifixus fällt nun der langgestreckte, schlanke Körper auf. Die Arme verlaufen viel steiler (ähnlich wie bei den Kreuzen von Peter Heel), und das Becken ist ein wenig nach links unten gekippt, so dass sich in der Taille rechts deutliche Falten bilden. Auffallend ist zudem die plastische Ausarbeitung des Blutstrangs, der aus der Seitenwunde hervorquillt.   

Bei einer ganzen Reihe von Drei-Nagel-Kreuzen fallen zwei andere Merkmale aus dem üblichen Rahmen: Der linke (also „schlechte“!) Fuß steht ausnahmsweise über dem rechten, was – bei nach rechts geneigtem Kopf – wiederum zu einer waagerechten Beckenachse führt. Und: Das Schamtuch ist auf der rechten Seite des Gekreuzigten völlig offen – wird also nicht einmal durch eine Kordel gehalten. Auch diese Kreuze stammen höchstwahrscheinlich von Johann Sigmund Hitzelberger (siehe 4.5 bis 4.8). Da es für keines dieser Kruzifixe einen archivalischen Nachweis gibt, sind die vier Zuschreibungen von mir mit einem Fragezeichen versehen worden.
Ein Vortragekreuz in Lengenwang stellt insofern eine Zwischenstufe dar, als hier noch eine doppelte Kordel zu sehen ist (die allerdings auch nachträglich hinzugefügt worden sein könnte). Probleme bereitet bei diesen Kreuzen die genaue Datierung. Vermutlich sind sie aber zwischen 1780 und 1800 entstanden.
Weiterhin gibt es einige Kruzifixe, bei denen es sich allem Anschein nach um Pfrontener Arbeiten handelt, die sich aber momentan keinem bestimmten Bildhauer zuordnen lassen (z.B. in Grän, Vils, Unterostendorf, Rindegg).
Gegen Ende des Jahrhunderts, und insbesondere im 19. Jahrhundert, kommen auch wieder Vier-Nagel-Kreuze in Mode. Im Pfrontener Heimathaus z. B. wird ein Kreuz des Vier-Nagel-Typs verwahrt - mit offenem Schamtuch und klassizistischem Sockel, sicher Johann Sigmund Hitzelberger zuzuschreiben und um 1800 zu datieren.
Auch das große Altarkreuz in der Füssener Feldkirche, ebenfalls und zu Recht Hitzelberger zugeschrieben (Schröppel),   ist ein Vier-Nagel-Kreuz. An ihm ist der bereits beschriebene plastische Blutstrang sehr deutlich zu erkennen

4.4 Reutte/Tirol

   
Franziskanerkloster
Kruzifixus

Das bedeutende Kreuz entspricht weitgehend dem Reicholzrieder Altarkreuz – eine Übereinstimmung, die allein schon für die Hand des Johann Sigmund Hitzelberger spricht. Wegen seiner Größe kommen beim Kruzifixus die oben beschriebenen Merkmale sehr viel deutlicher zur Geltung. Beide Kreuze sind – ausgehend vom Hochaltar in Reicholzried – um 1780 zu datieren.

4.5 Füssen/Ostallgäu


Franziskanerkloster

4.6 Pfronten-Rehbichel/Ostallgäu


Kapelle St. Anna

4.7 Holzleuten (Gem. Rückholz)/Ostallgäu


Dreifaltigkeitskapelle

4.8 Weißensee (Stadt Füssen)/Ostallgäu


Pfarrkirche St. Walburga             

Diese vier einander sehr ähnlichen Kreuze können wohl ebenfalls Johann Sigmund Hitzelberger zugeschrieben werden, allerdings mit einem Fragezeichen. Zu datieren sind sie, wie oben erläutert, vermutlich zwischen 1780 und 1800.          

Anmerkungen

Wittmann, in: Alt Füssen (1997), passim.
Schlagmann, in: Alt Füssen (1983), S. 72.
Schlagmann, in: Alt Füssen (1986), S. 89.
Ebenda, S. 63.
Ebenda, S. 64 und Abb. 8.
Bei Ammann, S. 247, nicht aufgeführt.
Ammann, S. 288: 2. Hälfte 17. Jahrhundert.
Wittmann, in: Alt Füssen (1997), S. 63 und Abb. 1, S. 66 und Abb. 24.
Petzet, Landkreis Marktoberdorf, S. 59 und Dehio, S. 233.
Wittmann, in: Alt Füssen (2000), S. 82 und Abb. 2 und 3.
Wittmann, in: Alt Füssen (1997), S. 64 und 65, Abb. 9.
Wittmann, in: Alt Füssen (2007), passim.
Paula hat das Kreuz nicht aufgeführt.
Petzet, Landkreis Marktoberdorf, S. 139: … Putto; Böhm, S. 24: … Engel mit Taufmuschel.
Wittmann, in: Alt Füssen (2001), S. 65-67.
Schmid, Pfarrkirche Wolfegg, S. 8, und Schmid, St. Katharina, S. 70; vgl. Schahl, S. 292, ohne Zuschreibung: „An den Schiffspfeilern 1. hl. Sebastian, 1,88 h., links unten pfeilziehendes Engelkind. Geschweifte Konsole mit Akanthuskartusche. Um 1750. … 3. Wandkreuz … vermutlich von dem Türkheimer Bildhauer Joh. Wilh. Hegenauer (vgl. Röthenbach)“ 1730 - 1740. Schahls Zuschreibung bezog sich eindeutig nur auf die unter 3. aufgeführten Figuren!
Wittmann, in: Alt Füssen (2001), S. 65.
Ebenda, passim.
Ebenda, S. 50 und S. 84 f.
Petzet, Schwaben VIII, S. 726.
Wittmann, in: Alt Füssen (2001), S. 80 und Abb. 100.
Ebenda, S. 64 und Abb. 46. Petzet, Schwaben VIII, S. 998, erwähnt das Wertacher Kruzifix (Höhe 1,16 m) ohne Zuschreibung.
Zit. Kleiner, S. 32; bei Ammann, S. 325, ist die Kapelle unter Schattwald nicht aufgeführt.
Ebenda, S. 93.
Wittmann, in: Alt Füssen (2004), S. 88; Abb. 10 und 11.
Wittmann, in: Alt Füssen (2001), S. 78 und S. 81; Abb. 95 und Abb. 108-111.
Petzet, Schwaben VIII, S. 791.
Wittmann, in: Alt Füssen (1996), passim.
Ammann, S. 369.
Wittmann, in: Alt Füssen (2004), S. 74; Abb. 5-7.
Ammann, S. 113.
Konrad, S. 34, erwähnt die „Schulstiftung“.
„Archiv Schröppel“, gesammelte Aufzeichnungen, Pfronten.
Wittmann, in: Alt Füssen (1996), S. 50.
„Archiv Schröppel“, gesammelte Aufzeichnungen, Pfronten.