Ein Meisterwerk der Brüder Verhelst
Neue Erkenntnisse zur Ausstattung der Fischhauskapelle bei Roßhaupten
Von Herbert Wittmann, Biessenhofen
Inhalt
Vorwort
Kurze Baugeschichte
Stuck und Fresken
Der Altar
Fazit
Anmerkungen
Literatur
Vorwort
Mehrfach in den vergangenen Jahren lieferte die Roßhauptener Fischhauskapelle den Stoff für publikumswirksame Schlagzeilen. Von ihrem desolaten Bauzustand war lange die Rede, von fehlenden Geldmitteln für die dringend notwendige Restaurierung oder gar von „Geheimnissen“ um die Kapelle.2 Als neuere Beiträge zur Kunstgeschichte der Kapelle sind lediglich zwei kurze Erwähnungen zu vermerken, die innerhalb von Aufsätzen in „Alt Füssen“ erschienen sind. Eva Christina Vollmer nahm 1999 Stellung zum Stuckwappen über dem Chorbogen3 und der Verfasser beschäftigte sich 2001 mit dem Kapellenaltar.4 Schließlich – und Gott sei Dank(!) – konnte auch von der in Aussicht stehenden Rettung und am Ende gar von der gelungenen Restaurierung berichtet werden.5
Kurze Baugeschichte
Eine erste Kapelle wird bereits 1594 erwähnt. In der Zeit von Bischof Christoph von Stadion (Regierung 1517 – 1543) soll sie erbaut worden sein. Unter Fürstbischof Joseph Landgraf von Hessen-Darmstadt (Regierung 1740 – 1768) entstand ein barocker Neubau, der Franz Karl Fischer (1710 – 1772) zugeschrieben wurde.6 Wohl gleichzeitig oder kurz danach muss die Kapelle auch ihre Innenausstattung erhalten haben.
Im Jahr 1855 geschah mit der Kapelle Bemerkenswertes: Ihr wurde, ohne Änderung des Innenraums, eine Wohnetage aufgesetzt. Als Verbindung zum benachbarten Fischhaus diente ein eiserner Steg. Nach außen hin kaschierte man den Umbau durch eine aufwendige Ziegelmauerfassade – mit Fialen und einem hohen Dachreiter – im Stile der damals beliebten Neugotik. Da auch die Kirchenfenster Spitzbogenabschlüsse erhielten, präsentierte sich das kleine Wohn-Gotteshaus nun äußerlich als stattlicher Bau des Historismus, während der Kirchenraum (von den Fenstern und einer Übermalung abgesehen) sein barockes Aussehen weitgehend behalten durfte. Doch nicht nur diese ungewöhnliche Verbindung von Neugotik und Barock macht die Fischhauskapelle zu einem höchst schützenswerten Kleinod.
Stuck und Fresken
Einziges in Stuck ausgeführtes Schmuckelement der Kapelle ist eine von zwei gekrönten Löwen gehaltene Kartusche über dem Chorbogen. Sie zeigt das Wappen des Augsburger Fürstbischofs Joseph I. und gibt Auskunft über den Bauherrn und damit auch über die mögliche Bauspanne der barocken Kapelle.
Eine weitere wichtige Information liefert das hervorragend gemalte Deckenfresko mit seiner merkwürdigen rautenförmigen Umrahmung. Es ist signiert (Christ pinxit), leider aber nicht datiert. Ein Augsburger Maler also, Joseph Christ (1732 – 1786), durfte die kleine Kapelle im Allgäu ausmalen – die lokalen Meister (Anton Joseph Walch oder Bartholomäus Stapf) kamen nicht zum Zuge. Dies allein schon macht hellhörig und verweist auf den hohen Anspruch des Bauherrn. Ein weiterer Umstand ist wichtig. Leider habe ich ihn 2001, als ich den Fischhaus-Altar mit Peter Heel in Verbindung zu bringen versuchte, schlicht und einfach übersehen: Joseph Christ heiratete 1759 die älteste Tochter Anna Franziska Walburga des bedeutenden Augsburger Bildhauers Aegid Verhelst. Joseph Christ war also der Schwager von Placidus und Ignaz Wilhelm Verhelst! Christ zog mit seiner Frau um 1770 vorübergehend nach Moskau.7 Seine Fischhaus-Fresken sind vermutlich zuvor entstanden.
Der Altar
Sehr ungewöhnlich ist der Altar der Fischhauskapelle. Zwar einfach im Aufbau - ganz im Sinne des beginnenden, die Form reduzierenden Klassizismus - zeigt er sich doch im Detail von ganz erlesener Qualität.8 Mit der lebensgroßen Liegefigur des hl. Ulrich in einem Sarkophag auf der Mensa und dem Reigen dreier trauernder Schnitzputten darüber lässt er sich problemlos auch als Epitaph für den Kapellen- und Bistumspatron verstehen.
Über den Maler Christ führt die Spur geradewegs zu den Brüdern Verhelst und fordert zu einem erneuten Stilvergleich heraus. Der endet tatsächlich – die Überschrift nimmt es bereits vorweg – mit der definitiven und wohlbegründeten Zuschreibung des Altars (Entwurf und Bildhauerarbeit) an das Augsburger Brüderpaar.9
Die Liegefigur des hl. Ulrich von Fischhaus hat in der Gruftkapelle von St. Ulrich und Afra in Augsburg ein fast identisches Gegenstück. Dort war Placidus Verhelst um 1765 für die Ausstattung verantwortlich.10 Es ist nicht auszuschließen, dass die aus Holz gefertigte Figur des Bistumspatrons, die sich jetzt in der Fischhauskapelle befindet, sogar als Vorlage für die Augsburger Figur aus weißem Marmor diente.11 Ja, manches spricht sogar dafür, in ihr den Bozzetto für die Augsburger Liegefigur Ulrichs zu sehen: Die Fischhaus-Figur ist an der dem Betrachter abgewandten Seite beschnitten und der Verkröpfung des Retabels angepasst worden – gewiss im Nachhinein! Sie ist ganz offensichtlich auf Draufsicht konzipiert, was in der Fischhauskapelle jedoch nur von einem erhöhten Standort aus (z. B. von der Empore oder einer Leiter) zu erkennen ist. Der normale Betrachter sieht sie seitlich schräg von unten und empfindet sie fälschlich als „steif“, weil er die schöne und aufwendig gearbeitete Oberseite nicht wahrnimmt.
Für die Putten am Fischhaus-Altar lassen sich sehr ähnliche Vergleichsbeispiele im Oeuvre von Ignaz Wilhelm Verhelst finden: Am Hochaltar der Pfaffenhausener Pfarrkirche St. Stephan (der freilich erst um 1782/83 entstanden ist) konnte ich unter dem Kruzifixus ein weinendes Engelskind entdecken, das in allen Einzelheiten die Merkmale der Fischhaus-Putten wiederholt.
Auf ein weiteres, eher unscheinbares – und deshalb besonders typisches – Detail möchte ich ebenfalls noch hinweisen: Das „Flügelgelenk“ (wenn es so etwas überhaupt gibt) der Fischhaus-Putten endet als merkwürdiger, verdickter „Knoten“. Genau diese Auffälligkeit zeigt auch eine Silberfigur des Erzengels Michael in Salem,12 die um 1769/71 nach einem Modell der Brüder Verhelst gefertigt wurde.
Fazit
Unter Berücksichtigung aller angeführten Daten müsste die Fischhauskapelle um 1765 erbaut und ausgestattet worden sein. Der Altar ist mit Sicherheit aus der Augsburger Werkstatt der Brüder Placidus und Ignaz Wilhelm Verhelst hervorgegangen.
Anmerkungen
1 Der Aufsatz ist bereits 2005 entstanden, wurde aber bisher nicht veröffentlicht. Eine Ablichtung des Manuskripts sandte ich damals an Frau Dr. Dagmar Dietrich und an den Eigentümer der Kapelle, Herrn Thomas Pihusch.
2 Wiedner, ab S. 41.
3 Vollmer, S. 214 und S. 224, Abb. 47.
4 Wittmann, S. 79.
5 Stitzinger, Verena: Allgäuer Zeitung vom 16. 10. 2004, Lokalteil Füssen.
6 Dehio (Ausgabe 1989), S. 323. In die Neuausgabe von 2008 wurde die Zuschreibung nicht übernommen!
7 Dietrich, S. 37.
8 Wegen dieser herausragenden Qualität dachte ich seinerzeit auch an Peter Heel (den um 1760 besten Bildhauer der Region), allerdings mit einem deutlichen Fragezeichen.
9 Wichtige Hinweise für diese Zuschreibung lieferte mir Herr Josef Mair aus Elmen /Tirol. Dank schulde ich auch Frau Dr. Dagmar Dietrich für ihre Bestätigung. Mittlerweile wurde die Zuschreibung von der Fachliteratur übernommen in: Dehio, (Ausgabe 2 2008), S. 343 und Pörnbacher, S. 23.
10 Dietrich, S. 37.
11 Dietrich, Abb. 105/106.
12 Dietrich, Abb. 120.
Literatur
Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern, Bd.3: Schwaben, München – Berlin 1989.
Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern, Bd.3: Schwaben, München – Berlin 22008.
Dietrich, Dagmar: Aegid Verhelst, 1696 – 1749, ein flämischer Bildhauer in Süddeutschland, Weißenhorn 1986.
Pörnbacher, Hans: Kirchen und Kapellen in Roßhaupten (=Schnell Kunstführer 2633), Regensburg 2006.
Vollmer, Eva Christina: Der Stukkator Joseph Fischer (1704-1771) aus Faulenbach – Leben und Werk, in: Alt Füssen (1999), S. 185-246.
Wiedner, Karl-Heinz: Kunst und Kultur, in: Das schöne Allgäu 3(2004).
Wittmann, Herbert: Peter Heel (1696-1767) – Bildhauer, Stukkator und Bausachverständiger, in: Alt Füssen (2001), S. 50-122.