Historischer Verein Alt Füssen 90 Jahre 1918 - 2008

Am 20. September 2008 feierte der Historische Verein Alt Füssen im Fürstensaal des ehemaligen Klosters St. Mang sein 90jähriges Bestehen. Nachfolgend die Rede des ersten Vorsitzenden Magnus Peresson.
 


Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Lax, sehr geehrter Herr Stadtpfarrer Deuring, sehr geehrte Gäste, sehr geehrte, liebe Mitglieder vonAlt Füssen,

ein herzliches Grüß Gott Ihnen allen, die heute hier hergekommen sind, um das neunzigjährige Bestehen des Historischen Vereins Alt Füssen zu feiern.

Benediktinischer Geist hat rund tausend Jahre lang unsere Stadt geprägt. Ohne die Mönche im schwarzen Habit wäre Füssen wohl eine harmlose, ländlichgeprägte Stadt geblieben. Die größte Katastrophe, die Füssen je in seiner Geschichte erlebt hat, war die Aufhebung des Klosters St. Mang im Jahre 1803. St. Mang war bis dahin der geistige, kulturelle und wirtschaftliche Mittelpunkt des Umlandes gewesen. Der kulturelle Kahlschlag, der mit der Säkularisation vorgenommen wurde, ist, so behaupte ich, bis auf den heutigen Tag nicht aufgeforstet worden. Umso schöner ist es, dass wir uns heute im Festsaal, im Fürstensaal versammeln dürfen. Dieser Raum ist eine einzige, jubelnde Verherrlichung eines Ordens, der sein ganzes Tun unter das Motto „bete und arbeite“ gestellt hat und zwar einzig und allein, um den Schöpfer zu preisen. Die Maßverhältnisse, die Auswahl edler Materialien, Stuck, Plastik, Malerei, die Verwendung von Gold und die Lichtführung, früher wohl auch der Einsatz von lebendigem Wasser, all das zusammen ist geeignet, den Menschen aus seinem oft eintönigen, wenn nicht banalen Alltagstrott herauszunehmen und in eine himmlische Sphäre zu heben: So könnte es im Paradiese sein!

Das Füssener Blatt Nummer 118 von Donnerstag, den 1. August 1918 vermeldete für Montag, den 29. Juli 1918 folgende Nachricht auf seiner Lokalseite:„Verein Alt Füssen. Wieder ein neuer Verein. Mit den gleichen Worten leitete auch der rechtskundige Bürgermeister Dr. Moser…die Gründungsversammlung…im Eiseleschen Saale ein…“. Auf der Titelseite der Zeitung lesen wir einen Aufruf von König Ludwig dem III. von Bayern, unter anderem mit dem Satz „Kein Deutscher… denkt an einen schimpflichen Frieden!“

Wenige Tage vorher hatte Dr. Moser der Musikprüfung an der Volkshauptschule beigewohnt; in sein Tagebuch schrieb er: „Da rauschten in meiner Seele wieder die Quellen der Vaterlandsliebe…der Gesang der Kinder vom großen Barbarossa, der im Kyffhäuser ruht und wartet, bis das deutsche Volk ihn ruft, ergriff mich mächtig, und ich empfand Trost dabei, dass wieder Begeisterung und frohe Zuversicht unsere Herzen beherrschten…“. Derweil hungerten Dr. Moser und seine Familie wie alle anderen auch. „Geben sie auf ihre Frau Gemahlin besser Obacht…die hat zu wenig zu essen!“ mahnte ein Füssener den Bürgermeister und ein Anonymus hängte an Pfingsten ein paar Pfund Fleisch an die Türe der Bürgermeisterwohnung.

Es war nur eine handvoll Männer, die sich da in der gotischen Stube des Herrn Eisele im heutigen „Schwanen“ traf. Was sie verband und was sie an diesemdenkwürdigen Abend zusammenführte, war die dunkle Ahnung, dass der nun schon vier Jahre dauernde Krieg nicht mehr zu gewinnen war und dassdie sich abzeichnende, militärische Katastrophe auch das Ende einer jahrhundertealten, gesellschaftlichen Ordnung bedeuten würde; dem drohenden Verlust all jener Wert, die ihnen heilig waren, versuchten sieetwas entgegen zu setzten, den Verein Alt Füssen. Zweck und Ziel wurden von Dr. Moser vorgestellt:

  • Erweckung und Vertiefung der Heimatliebe und des Verständnisses für die Schönheit „Alt=Füssens“.
  • Die Erhaltung des alten Städtebildes im ganzen und einzelnen altehrwürdigen Baudenkmälern und sonstigen wertvollen Altertümern.
  • Die entsprechende bauliche Ausgestaltung Neu = Füssens nach den Forderungen der Zweckmäßigkeit und Schönheit. Die Wiederbelebung des Verständnisses für das heimische Kunstgewerbe.

„Diese sich gesetzten Ziele will der Verein erreichen durch die Erforschung und Bearbeitung der heimatlichen Geschichtsquellen, durch Herausgabe von Abhandlungen aus der Heimatgeschichte, durch gemeinsame Besichtigung von Bau- und Kunstdenkmälern, durch die Pflege des geselligen Austausches von Erkenntnissen und Erfahrungen an den Vereinsabenden, durch Veranstaltung von öffentlichen Vorträgen, sowie durch Zusammenarbeit mit dem Museumsverein hinsichtlich der Erhaltung und Vermehrung seiner bestehendenSammlungen.

“Diesen Regeln ist der Historische Verein in den 90 Jahren seines Bestehens mit bemerkenswerter Klarheit und Hartnäckigkeit gefolgt. Zurück zur Gründungsversammlung. Baron Kreußer wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Die weitern Wahlgänge ergaben:

1. Vorsitzender: Oskar Freiwirth-Lützow, Kunstmaler
2. Vorsitzender: Dr. Adolf Moser, Bürgermeister
Schriftführer: Oskar Freiwirth-Lützow jun.
Schatzmeister: Johann Gruber, Verleger
Beisitzer: Heinrich Amschler, Fabrikdirektor
Julius Fischer, Kunstmaler
Willhelm Schweiger, Oberlehrer
Karl Ostler, Spenglermeister
Johann Nepomuk Sauter,
Stadtpfarrer

Schon vier Wochen später, am 1. September 1918 traf man sich wieder. Dr. Ring vom Reichsarchiv in München referierte über das von der Stadt erworbene
Klosterarchiv von St. Mang. Höchst erfreut war man auch über den Kauf der Annakapelle durch die Stadt Füssen und der Erwerb des Archivs der ehemaligen
Herrschaft Hopferau.

Zu dem Freundeskreis um den Vorsitzenden Oskar
Freiwirth-Lützow zählte unter anderem der Weimarer Hofopernsänger Winfried Wanner und dessen Frau Martha, die in Faulenbach ein Häuschen besaßen.
Den Wanners wurde am 30. Juni 1918, vier Wochen vor der Gründung von Alt Füssen ein Söhnlein geboren dem sie den Namen Jörg gaben. Winfried Wanner
war es nicht mehr vergönnt, Alt Füssen beizutreten, er starb wenige Tage vor Weihnachten 1918. Sein Sohn Jörg aber ist heute eines unserer ältesten Mitglieder, er lebt mittlerweile in Nürnberg und kann heute nicht
bei uns sein. Er hat mich aber noch gestern angerufen, er wünscht der heutigen Feier einen würdigen Verlauf und lässt sie alle recht herzlich grüßen.


Kehren wir noch einmal zurück zum Jahr 1918. Im Füssener Blatt vom 3. November wurde noch zur Zeichnung von Kriegsanleihen aufgerufen. Am 4.
November trafen sich die Mitglieder von Alt Füssen wieder im Eiseleschen Lokal am Brotmarkt. Am 9. November vermeldete das Füssener Blatt: „Bayern zur
Republik erklärt. Und während am 11. November die Bahnhofrestauration für den „herrlichen, nordischen Kunstfilm Dornröschen mit Versen von Julius Presler“ warb, rief der Füssener „Arbeiter, Soldaten- und Bauernrat“
auch hier die Republik aus. Auf der gleichen Seite, der Titelseite, unten, konnte man „Die Waffenstillstandsbedingungen unserer Feinde“ lesen. Bei der
großen Friedensdemonstration auf dem Schulhausplatz trat als Redner Bürgermeister Dr. Moser auf, der über Nacht vom kritischen aber loyalen Monarchisten zum aufgeklärten Republikaner mutiert war.

Alt Füssen aber wuchs langsam und beständig, begann 1925, in einer von Not geprägten Zeit, zu publizieren, führte seinen Mitgliedern vor Augen, dass die Stadt Zeiten überdauert hat, die noch viel schlimmer waren als die, in der man lebte. Hans Popp schrieb in den dreißiger Jahren über das Stadtbild und seine Pflege
und bei der Lektüre fällt auf, wie zeitlos seine Bewertung war, sie aktuell auch heute noch ist, was vor mehr als 70 Jahren einen Schöngeist bewegte. Alt Füssen hat immer versucht, über den Tag hinauszusehen. In seiner Rede zum 70jährigen Bestehen von Alt Füssen sagte mein Vorgänger Reinhold Böhm:


„Gerade unser Engagement…brachte uns einerseits viel Ärger, aber auch breite Zustimmung. Aber…wir haben uns zur Maxime unseres Handelns gesetzt: Klares Überlegen, objektives Prüfen der Fakten und dann konsequentes Handeln. Die Öffentlichkeit soll wissen, wo wir stehen und was wir wollen.“ Dies ist so geblieben und so wird es bleiben. Auch wenn das oft kurzsichtige,
politische Tagesgeschäft uns manchmal scheitern lässt. Denken sie an die Kastration des Lechfalles, denken sie an die manchmal seltsamen Ereignisse um
Bahnhof und Freyberggarten. Denken sie an die drohende Zerstörung unseres Stadtbildes durch den Bau eines in monströsen Formen geplanten Ärztehauses.


Lassen sie mich aber am Ende meiner Ausführungen auf einen neuen Schwerpunkt unserer Arbeit hinweisen, auf das Haus des berühmten Bildhauers Anton Sturm.

Wir stehen hier erst am Beginn eines Unterfangens das Alt Füssen vor neue, bislang unbekannte Herausforderungen stellt und das einmal einen hohen Stellenwert im kulturellen Leben unserer Stadt einnehmen wird. Viele von ihnen haben den Kunstmaler Kurt Geibel-Hellmeck gekannt, wussten wohl auch, dass er die Räume des großen Bildhauers bewohnte, wussten vielleicht nicht, dass nach dem Tod Geibels die Wohnung lange Jahre leer stand. Ich wusste auch, dass ein Verein wie Alt Füssen ein Heim, eine Heimat braucht.
Es war im übrigen unser Vorstandsmitglied Karl Wagner, der immer wieder darauf hingewiesen hatte, dass wir für unsere Schätze ein paar Räume brauchten – und wenn es nur ein „Dachkammerl“ in St. Mang wäre. Vor
vier Jahren bekam ich einen Hinweis, dass, wenn man ein paar Räume im Sturm-Haus für Alt Füssen kriegen wolle, man mit dem Dr. Ketterl reden müsse.
Ein solches Gespräch zu führen war aber einfach, da ich Herrn Dr. Ketterl noch aus einer Zeit kenne, da das wichtigste Werkzeug eines Menschen – ich übertreibe – die Sandschaufel ist. Als ich ihm bei einem Gespräch zwischen Tür und Angel mein Ansinnen vortragen konnte, war seine Antwort nicht mehr als ein kryptisches Lächeln. Bei dem zweiten kurzen Gespräch war die Antwort auf meine Frage „lass mir Zeit“. Das dritte Gespräch wurde von ihm mit dem Satz beendet: „Wenn i was mach, mach i´s g´scheit“. Ich hatte den Gedanken an die Räume im Sturm-Haus ehrlich gesagt begraben, als er anrief und sagt: „Hol´den Schlüssel“. Der Rest ist bekannt.

An was man aber an einem Tag wie dem heutigen schon erinnern muss, ist, dass da ganz im Verborgenen eine Stiftung entstanden war, die man dem großherzigen Geschwisterpaar, nämlich Frau Anna Suiter und Herrn Johann Suiter verdankt. Es ist aber den Bemühungen des Herrn Dr. Ketterl zu verdanken, dass die Stiftung der Geschwister Suiter die Nutzung des Anton Sturm – Hauses dem Historischen Verein Alt Füssen übertragen hat und das für die Dauer von dreißig Jahren.
Das stellt Alt Füssen vor neue Aufgaben. Neben den Historikern, Lateinern, Kunst- und Baugeschichtlern sind jetzt auch Handwerker gefragt, Schreiner, Kunstschmied, Restaurator, Männer die mit Kettensäge umgehen können und Frauen, die für die rechte Atmosphäre im Hause zu sorgen bereit sind. Die Spendenfreudigkeit von Mitgliedern und Gönnern hat es möglich gemacht, dass wir rechtzeitig zum heutigen Tag die Räume im 1. Obergeschoß mit den dem Haus entsprechenden Möbeln bestücken konnten. Sie alle sind eingeladen, nach dieser Feierstunde das Anton Sturm – Haus aufzusuchen, um sich vom Stand der Arbeiten zu überzeugen.

Dem Historischen Verein Alt Füssen wünsche ich, dass er trotz seiner 90 Jahre weiterhin mit geistiger Frische und altersbedingter Sturheit an seinen Zielen festhält und damit dem Wohl unserer Stadt und der darin lebenden Menschen dient. Ich stelle einen Satz des großen Kunsthistorikers Reinhart Raffalt an den Schluss meiner Ausführungen:

„Beständigkeit in Geist und Werk ist eine Kraft, die von den Wechselfällen der Geschichte nicht niedergerungen werden kann.“