Die Via Claudia Augusta am Hartenberg bei Roßhaupten

Ein Nachruf im Zorn

Magnus Peresson


Am 25. August 2011 hatte Alt Füssen zu einer Wanderung entlang der Via Claudia Augusta eingeladen. Ausgehend vom Straßberg östlich von Roßhaupten wanderten die Teilnehmer auf der römischen Trasse bis zu Johann Jakob Herkommers Kapelle von Sameister. Der Anmarsch war bewusst so gewählt worden, weil auf dieser Strecke noch im ausgehenden 19. Jahrhundert die von Füssen kommenden Express – Kutschen fuhren und weil sich östlich des Hartenberges ein den Hang querendes Straßenstück der Via Claudia Augusta erhalten hatte, das von zahlreichen Materialgruben begleitet war.

 

Dies aber in einer so erstaunlich mustergültigen, unberührten Form, wie man es sonst entlang der gesamten Trasse zwischen Po und Donau nicht mehr antreffen konnte. Pankraz Walk, der seit Jahrzehnten in Roßhaupten die Interessen der Heimatpflege und besonders der Bodendenkmalpflege – und dies  ohne offiziellen Auftrag – wahrnimmt, hatte den Verfasser dieser Zeilen schon vorab gewarnt: „Am Hettenberg werdet Ihr Euch wundern.“

So war es denn auch. Von dem Straßenstück mit seinen Materialgruben war nichts mehr vorhanden. Die bislang einmalige Einheit von Straße und Gruben und das so eindrucksvolle Relief des von römischen Straßenbauern geschaffenen Geländes mit der charakteristischen, noch vom Gletscher geformten Hangkante, hatten einer großflächig planierten Wiese mit eintönigem Bewuchs Platz gemacht. Das älteste Baudenkmal unserer Region war vernichtet und die Wiederherstellung des alten Zustandes wäre, auch wenn gewollt, für keinen Betrag der Welt mehr machbar.

Wie war es dazu gekommen, in einer Zeit, da eine eigene Abteilung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, die Bodendenkmalpflege in Thierhaupten, angeblich mit Argusaugen über der Erhaltung der Via Claudia Augusta wacht? Wo am Landratsamt Ostallgäu in Marktoberdorf sowohl die Untere Denkmalschutzbehörde als auch die Untere Naturschutzbehörde installiert sind und die, wie man weiß,  über die Zeugen unserer Vergangenheit und der Natur mit großer Strenge herrschen? Die notwendige Klärung der in hohem Maße bedauerlichen Angelegenheit kann nicht gelingen, weil sie von den Verantwortlichen nicht gewollt wird und von Außenstehenden nicht erzwungen werden kann.

Eine Rekonstruktion der Vorgänge aber soll zumindest versucht sein. Es hatte sich offenbar so verhalten, dass der Landwirt, der die Flurstücke mit der römischen Straße bewirtschaftet, einen Antrag auf Egalisierung des Geländes am Landratsamt Ostallgäu gestellt hatte. Ein derartiger Antrag wandert im Amt von Tisch zu Tisch, von Fachmann zu Fachmann und wird schließlich an die Bodendenkmalpflege in Thierhaupten als letzter Instanz weitergeleitet. Ein Mitarbeiter dieser Stelle wird zu einem Augenschein beordert und kann – obwohl in Sachen Archäologie geschult - dort nichts erkennen. Da oft aus politisch - populistischen Gründen in den Amtsstuben bestimmte Bearbeitungsfristen vorgegeben und einzuhalten und die elektronischen Kommunikationsmittel schneller als die antiken Signalfeuer sind, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Der Antragsteller erhält in kürzester Zeit die Genehmigung für sein Ansinnen erteilt und führt das abgesegnete Werk zeitig vor dem Vegetationsschub aus.
Es muss nicht genau so gewesen sein, sehr viel anders aber kann es nicht gewesen sein.



Der Heimatfreund ohne offiziellen Auftrag, Pankraz Walk,  erkennt anlässlich eines Spazierganges am Hettenberg was da geschehen ist und konsultiert nicht nur die zuständigen Behörden, er verständigt die örtliche Presse, so dass die Angelegenheit nicht mehr zu verheimlichen ist. Es kommt zu  einer Begehung des Schauplatzes und der Berichterstatter des Füssener Blattes wird mit vagen, teilweise schlichtweg unwahren Informationen gefüttert und so die konkreten Hintergründe der Zerstörung verschleiert: „Am Treffpunkt Hettenberg, nahe Roßhaupten, erkannte  man schnell, dass die in den Ämtern überlieferten Unterlagen nicht gut genug sind, um die VCA mit ausreichend großer Genauigkeit im Gelände festzulegen.“ ANM 2
Diese Aussage ist umso erstaunlicher, als das Landesamt nicht nur über die Originalaufzeichnungen des großen Via Claudia Augusta - Forschers Barthl Eberl verfügt (Karten mit handschriftlichen Eintragungen), sondern auch über hervorragendes, mit Satellitenunterstützung gefertigtes Kartenmaterial. Darüber hinaus ist aber in allen aktuellen und jedermann zugänglichen Karten die ehemals römische Straße eingezeichnet; dies deshalb, weil sie bei der ersten Vermessung unserer Gegend um 1820 als Straße ja noch vorhanden war.

Abbildung 1
Die Via Claudia Augusta östlich des Hettenberges und nördlich von P 807. Die Aufnahme erfolgte kurz nach Sonnenaufgang. Die Schatten füllen oben am Hang die antiken Materialgruben. Die Via Claudia verläuft parallel zum  Schatten werfenden, modernen Feldweg. Zustand vermutlich 1987, aufgenommen bei Raureif im zeitigen Frühjahr. 

 

Abbildung 2
Der gleiche Abschnitt wie in Bild 2. Deutlich sichtbar sind rechts oben die Materialgruben. Der rechte Wegrand des modernen Feldweges ist aufgeworfen, links des Weges, von Raureif überzogen, der überwachsene Damm der römischen Straße. In der Fortsetzung zeigt sich auf dem Scheitel des Hügels vor der mächtigen Fichte die antike Straßenführung als seichte Mulde.

 

Abbildung 3
Die Via Claudia im gleichen Abschnitt wie in den Abbildungen 1 und 2. Der Schneestreifen liegt in der Mitte der römischen Straße, die sich auf Grund der intensiven Befahrung über Jahrhunderte leicht eingesenkt hat. Links am Bildrand ein Findling, der im Hinblick auf eine ungehinderte Befahrung mit Hammer und Meißel abgetragen wurde. Rechts des Schneestreifens liegt der moderne Feldweg. Zustand vermutlich Frühjahr 1985.

 

Abbildung 4
Die Via Claudia Augusta im gleichen Abschnitt wie in Abbildung 3. Rechts oben liegen die Materialgruben in leichter Verschattung, in der Bildmitte verläuft der moderne Feldweg nördlich P 807. Oben links zeigt sich die jetzt mit Humus überdeckte römische Straße. Die Aufschüttung überdeckt auch den in Abbildung 3 noch sichtbaren Findling. Zustand vermutlich Frühjahr 1986.

 

An mehreren Abschnitten besitzt die antike Straße noch heute, mehr als 1500 Jahre nach dem Ende der römischen Herrschaft, ihren ursprünglichen, rechtlichen Status, d.h. eine eigene Flurnummer.


Zur Vorgeschichte


Auf dem Scheitel des Hügels östlich des Hettenberges hatte anfangs Oktober 1996 eine archäologische Grabung in der Hoffnung stattgefunden, den genauen Verlauf der Via Claudia Augusta nachweisen zu können. Es war geplant, diesem markanten Ort mit der Nachbildung eines römischen Meilensteines zu kennzeichnen, so wie dies schon ein Jahrzehnt vorher in der Nähe des Maxsteges bei Füssen und im Bereich der Illasbergschlucht nordöstlich von Dietringen  geschehen war. Die Erwartungen der einheimischen Interessierten wurden nicht erfüllt, hatten sie doch gehofft, eine gepflasterte Straße vorzufinden. Den Archäologen aber bewies das Profil des Querschnittes ausreichend die Lage der antiken Straße: Der anstehende Boden, ein das Oberflächenwasser gut ableitender, glazialer  Schotter, hatte es den römischen Straßenbauern erlaubt, allein durch das Abtragen der Grasnarbe und durch das Auftragen einer dünnen Kiesschüttung einen funktionierenden Straßenkörper zu schaffen. Infolge der intensiven Benützung der Trasse bis in das späte 19. Jahrhundert hatte sich  die Via Claudia Augusta hier ähnlich wie in dem Abschnitt östlich von Osterreinen leicht in das Gelände eingesenkt und zeigt sich heute sich als sanfte Mulde, am deutlichsten von Süden her vor dem Hintergrund einer mächtigen Fichte. Im Abraum der Grabung fand sich eine zerbrochene Tasse aus jüngster Zeit, Zeugnis für eine übliche Praktik der Landwirte,  Abfall in natürlichen Mulden abzulegen und diesen mit Humus zu überdecken.

Die Aufstellung des Meilensteines erfolgte im Herbst 1996, die Enthüllung nahm der damalige bayerische Landwirtschaftsminister Reinhold Bocklet am 5. Oktober 1996 vor, im Beisein  vieler  prominenter Gäste.


Der Verlauf der Via Claudia Augusta


Die römische Straße, die von Süden kommend und von der Talsenke ausgehend, den Hang in nördlicher Richtung leicht ansteigend anschnitt, wurde Hang aufwärts von einer Reihe größerer und kleinerer Materialgruben begleitet. Das besondere dabei war, dass die Gruben nicht weich ineinander übergingen, sondern meist durch einen kleinen Grat von einander getrennt waren. Man hatte hier also im Hinblick auf die tiefer am Hang zu bauende Straße nicht in einem Zuge, also fortlaufend, Kies abgebaut, nicht eine große Kiesgrube geschaffen, sondern eine ganze Reihe deutlich von einander getrennter Gruben unterschiedlicher Größe hinterlassen. Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich  die einst scharfen Ränder zwar etwas verschliffen und die Gruben  waren allmählich eingewachsen, aber als künstlicher Eingriff immer noch erkenntlich.  Die Landwirte kamen mit den Unebenheiten im Gelände so lange zurecht,  als der Grasschnitt mit der Sense erfolgte. Unter dem Einsatz von Mähbalken aber gelang ein Abmähen der antiken Materialgruben nicht mehr. In Frühjahr und Herbst fielen sie deshalb durch den verdorrten Bewuchs auf, ein reizvolles Bild und für den Altstraßenfreund ein höchst anschauliches Lehrstück römischen Straßenbaues.
Bis in die 1980er Jahre markierte den antiken Wegverlauf eine allein stehende, mächtige Fichte fast am Talboden und mehrere Sträucher am Hang, den Scheitel des Hügels krönte ein windschiefer, nichts desto trotz hervorragend geformter Stadel. Wohl in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde zwischen der nun überwachsenen, antiken Straße und den Materialgruben ein Feldweg ohne ausreichend befestigten Unterbau angelegt. Er war dermaßen schlecht befahrbar, dass die Landwirte mit ihren schweren Fahrzeugen nicht den Feldweg benützten, sondern die überwachse Via Claudia Augusta.
Bei Begehungen der antiken Trasse in dieser Zeit  ragte  auf halber Höhe der Steigung  aus der Wiese ein Stein, der Scheitel eines tief in das Gelände eingebetteten Findlings der in der Flucht mit der talseitigen Begrenzung der römischen Straße lag. Da dieser Stein in seiner ursprünglichen Form aber ein Hindernis bildete, in Sonderheit für die Wagenräder, hatten ihn die römischen Straßenbauer mit Hammer und Meißel abgetragen bzw. so weit zurecht geschlagen, dass er als „Holperer“ weder Schritt noch Achse hemmen  konnte. Erst im Laufe der Jahrhunderte und auf Grund ausbleibender Pflege der Straße senkte sich der antike Straßenkörper und in gleicher Weise „wuchs“ der Stein aus dem Gelände. Schon in den Jahren um 1990 war er unter einer dicken Schicht aus Humus verschwunden.


Beschreibungen der Trasse


Der erste Begeher der Via Claudia Augusta, Kurat Christian Frank hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Trasse zwar beschrieben und diese Beschreibung in einem Sonderheft der „Deutschen Gaue“ publiziert, doch erwähnte er die markante Stelle östlich des Hartenberges seltsamer Weise nicht.
Barthl Eberl, der zwanzig Jahre nach Christian Frank die Begehung wiederholte, den Trassenverlauf mustergültig beschrieb und seine Beobachtungen in erstklassiges Kartenmaterial eintrug, veröffentlichte seine Erkenntnisse im Jahre 1931 in der Zeitschrift „Das schwäbische Museum“ und im Jahre darauf in  dem Organ des Historischen Vereins Alt Füssen:        

Abbildung 5
Dr. Richard Knussert mit geschultertem Stativ und der Kunstmaler und Restaurator Hermann Drost bei einer Begehung der Via Claudia Augusta im Bereich des Hettenberges im Frühjahr 1953.

 

Abbildung 6
Hermann Drost bei der Untersuchung eines frischen Maulwurfhaufens. Im Hintergrund Dr. Richard Knussert.

 


Abbildung 7
Ausschnitt aus der Topographischen Karte im Maßstab 1 : 25.000, Ausgabe 1958, das Gelände zwischen Tiefental und Hettenberg beinhaltend. Die eingezeichneten Feldwege entsprechen dem groben Verlauf der Via Claudia Augusta.

 

„Oben auf dem Hüttenberg (richtig Hettenberg) quert ein schräger Feldweg über die Straßenlinie. Schöne Gruben. Die Straße senkt sich nun auf der Westflanke des Moränenhügels gegen P. 807 hinab. Sehr schöne westlich geböschte Rampe mit jüngeren Hohlwegen und mit Gruben im östlichen Hang.“ ANM. 3  

Im Jahre 1997 war es der Verfasser dieses Nachrufs, der in der Zeitschrift „Das schöne Allgäu“  nach langen Jahren des Vergessens wieder an den Verlauf der Via Claudia im Allgäu erinnert hat:  „Nordöstlich von Roßhaupten im Bereich des von den Einheimischen sogenannten  „Hettenberges“ (in den amtlichen Karten: Harten – Berg) liegt eine der eindrucksvollsten Etappen der VIA CLAUDIA AUGUSTA im Allgäu. Zielstrebig den sanften Hang querend und von einem Feldweg begleitet sind oberhalb der römischen Trasse die zugehörigen Materialgruben nur wenig überwachsen erhalten. Auf halber Höhe befindet sich ein einst in die Fahrbahn ragender Findling, der mit Hammer und Meißel auf das Niveau der Straße abgenommen wurde.“  ANM 4

Alles in allem: Der exakte Verlauf der Via Claudia Augusta ist seit mehr als hundert Jahren bekannt, seit dem Jahre 1931 ist er auch kartiert und beschrieben und darüber hinaus im Jahre1996 durch eine archäologische Grabung bestätigt. Die Forschungsergebnisse sind jedem interessierten Laien zugänglich. Des Weiteren ist seit mehr als zehn Jahren die Trasse der antiken Straße beschildert und in Reise- oder Wanderführern aufgenommen.

Zusammenfassend ist festzuhalten: Die Zerstörung des einmaligen Bodendenkmals Via Claudia Augusta am Hettenberg bei Roßhaupten ist nicht menschlichem Unverstand, sondern dem eklatanten Versagen aller an dem Verfahren beteiligten amtlichen Stellen zuzuschreiben.

Das Füssener Blatt schloss seine Berichterstattung über die „Flurschäden“ an der Via Claudia Augusta mit der Überschrift „Bankrotterklärung für Pflege von Denkmälern“ ANM. 5
Dem ist nichts hinzufügen.


Abbildungsnachweis

Abbildungen und Repro Magnus Peresson. Die beiden Schwarz-Weiß-Aufnahmen stellte die Fotografin Else Wirth, früher Besitzerin eines Fotoateliers in Füssen, freundlicherweise zur Verfügung.

 

Anmerkungen


1. In dem amtlichen Karten erscheint der Name des Hügels in der Form von „Hartenberg“. Diese Bezeichnung geht auf die landfremden Vermesser zurück, die zwischen 1816 und   1820 das Gebiet um Füssen kartiert hatten.  Für sie machte der von den Einheimischen gebrauchten Name Hettenberg keinen Sinn und so versuchten sie, aus dem ihnen unverständlichen Wort einen Begriff zu machen, der ihnen sinnvoll erschien.    

2. Füssener Blatt Nr. 250, Ausgabe vom Samstag, den 29. Oktober 2011

3. Das Schwäbische Museum 1931, Heft 1/2, S. 28 und
    Alt Füssen 1932. Bei dem bei Eberl erwähnten „P 807“ handelt es sich um einen
    sogenannten Bodenpunkt der Landesvermessung. Er ist auch in der abgebildeten
    Topographischen Karte, Ausgabe 1958, im Maßstab 1 : 25.000 enthalten.

4. Das schöne Allgäu 1997, Heft Nr. 8,  S. 14.

5. Füssener Blatt Nr. 2, Ausgabe von Dienstag, 3. Januar 2012.
 

Literatur

Eberl, Bartholomäus (Barthl), Die Römerstraße  Augsburg – Füssen Via Claudia Augusta, in:   
     Das Schwäbische Museum 1931.
Eberl, Bartholomäus (Barthl), Die römische Lechstraße via Claudia Augusta von Lechbruck
     bis Füssen, in Alt Füssen 1932, Hefte 11/12, Heft 13 und  Heft 14, ohne Seitenangabe.
Frank, Christian, Altstraßen, Sonderheft zu den Deutschen Gauen, ohne Jahr (1909).
Knussert Richard, Das Füssener Land in früher Zeit, Kempten 1955.
Peresson, Magnus, Die VIA CLAUDIA AUGUSTA im Allgäu,
      in: Das schöne Allgäu 1997, Heft 8,  S. 9 -14.