++ 08.10.2004, Füssener Blatt ++

Wie die Füssener Landschaft in grauer Vorzeit entstand

... erläuterte Geograph Peter Nasemann in einem Vortrag bei Alt Füssen - Für die Heutigen ganz neue Einblicke in das Gestern und Vorgestern
Füssen (awi). Im nahezu voll besetzten Saal des Füssener Kolpinghauses veranschaulichte Peter Nasemann beim Hoigarte von Alt Füssen das Entstehen unserer heutigen Landschaft zwischen Säulinggipfel und Forggensee. Er mute seinen Zuhörern Einiges zu, meinte der studierte Geograph, schließlich sollten sie einen Zeitraum von 200 Millionen Jahren überblicken. Dies sei kaum anderswo auf so engem Raum möglich. Bei dem Vortrag eröffneten sich immer wieder neue, überraschende Blickwinkel. Zum Säulinggipfel zeigte Peter Nasemann Bilder von Korallenriffen im tropischen Indischen Ozean; denn so etwas war der Füssener Hausberg in der Jurazeit. Die Entstehung von Gipsablagerungen, wie sie zum Beispiel im Faulenbacher Tal vorkommen, wurde an Bildern aus der Mitte Australiens verdeutlicht. Dass der Schwangauer oder der Weißenseer "Marmor", der in Kirchen und Bürgerhäusern Verwendung fand, mehrfach umgeformter Jurakalk aus Meeresablagerungen ist, wurde beispielhaft erläutert. Interessant war in diesem Zusammenhang, dass das verschiedenfarbige Material, das verbaut wurde, vom Steinmetzen abhing; denn diesem gehörte häufig auch der Steinbruch. So lieferte er das, was er hatte. Das Füssener Becken vor dem Gebirge ist wie die Täler das Ergebnis der Gletscherströme aus den Alpen und der von ihnen transportierten Geschiebe. Als das Eis vor rund 20000 Jahren zu schmelzen begann, entstand der Füssener See, dessen Reste heute noch als Bannwald-, Schwan-, Hopfen-, Weißen- und Forggensee übrig geblieben sind. In der Mittelsteinzeit, etwa 6000 vor Christus, kamen im Sommer regelmäßig Jäger, Fischer und Sammler ins Füssener Land; denn unmittelbar am Eisrand gab es schon niedrige Vegetation, Nahrung für Landtiere und Fische. Steinwerkzeugfunde auf Erhebungen, zum Beispiel in Horn und am Bannwaldsee, belegen Rastplätze der damaligen Menschen. Heute können vergleichbare Bedingungen für Mensch und Natur noch am Rand des grönländischen Inlandeises studiert werden, wie es Peter Nasemann bei einer Expedition selbst gesehen, erlebt und prächtig fotografiert hat. Ein Fluss wie der Lech hat seinen Lauf im Zuge der die Landschaft formenden Prozesse immer wieder verlagert. In historischer Zeit wurde er dann eine wichtige Verkehrsader zum Abtransport der Produkte aus einheimischen Bodenschätzen, wie zum Beispiel Gips, Erz und "Marmor". Schließlich wurde er kanalisiert, was zu Landschaftsveränderungen geführt hat. Die Endphase dieser Entwicklung ist der Forggensee, mit dem der Lech eine neue Qualität erfahren hat. Ursprüngliche Fließstrecken sind nur noch wenige vorhanden, wie etwa oberhalb des Lechfalls. Ihre Bedeutung und Erhaltung hält Peter Nasemann für ökologisch bedenkenswert, auch im Zusammenhang mit der Lechschlucht als einem bedeutsamen Geotop.