Die Baumaßnahmen an der Hinteren Gasse als Ersatz für die historischen Häuser 7 und 9

von Magnus Peresson


Die Baumaßnahme an der Hinteren Gasse als Ersatz für die historischen Häuser 7 und 9

Hier zeigt sich, wie die bewährte Taktik mit allen Wassern gewaschener Investoren oft aufgeht. In einem ersten Schritt werden mitten in der Stadt durch die Beseitigung zweier „alter Hütten“ eine abstoßende Brache geschaffen, die, wenn sie nur lange genug bestehen bleibt, den Ärger der Bürger erregt und eine „Verbesserung“ herausfordert. Immerhin sind zwischen dem Abriss der beiden Häuser im Jahre 2001 und dem Beginn der Baumaßnahme 2015 volle 14 Jahre vergangen.

Unabhängig davon, dass die schiere Masse des Neubaues die Maßstäbe der über Jahrhunderte organisch gewachsenen Umgebung sprengt, liegt die Zufahrt zur Tiefgarage an der engsten Stelle der Hinteren Gasse am denkbar ungünstigsten Ort. Hier befinden sich die schon jetzt problematischen, schwer einsehbaren Zufahrten zum Hotel Hechten und zum Eingang des Pfarrheims mit regem Fahrzeug- und Personenverkehr.

Schon in den überzogenen Plänen, die von Anfang an sich seltsamer Weise der besonderen Unterstützung weiter Kreise im Kommunalparlament erfreuten, war ersichtlich, dass die Maßnahme die Kleinteiligkeit des Ensembles an der Hinteren Gasse zerstören würde. Eine sehr spät erst (oder war das Teil einer Strategie?)  eingeholte Stellungnahme zur letzten Revision einer Reihe von nachträglich vorgelegten Änderungen gegenüber der ursprünglichen Planung vom Referenten des Landesamtes für Denkmalpflege, die im übrigen an Härte nichts zu wünschen übrig ließ, blieb im Genehmigungsverfahren des Landratsamtes unberücksichtigt.

Es sollen hier jedoch die seltsamen Ereignisse bei Baubeginn, bei den Aushubarbeiten geschildert werden. Vorab sei erwähnt, dass nach der archäologischen Grabung im Jahre 2009 durch das Büro für Archäologie Patzelt & Peter (publiziert in Alt Füssen 2009) vorgesehen war, bei dem Aushub der Baugrube begleitende Untersuchungen im Hinblick auf den in diesem Bereich verlaufenden Stadtgraben anzustellen. Dies war vereinbart, um die damals laufende Grabung nicht unnötig zu verteuern.
Alle diese Überlegungen waren vergessen, als am 6. Juli 2015 die Bagger anrückten. Keiner der am Bau Beteiligten und für die Maßnahme Verantwortlichen war sich seiner Sorgfaltspflicht bewusst. In Windeseile wurden zuerst einmal die weder fachmännisch untersuchten noch dokumentierten Reste des 2012 entdeckten, rätselhaften Ganges beseitigt. Die Bagger hatten fürs erste die teilweise riesigen Sandsteinplatten auf einem Haufen zusammen gelegt. Doch schon am 8. Juli wurden die Steine abgefahren, angeblich auf ein Kieslager in Pfronten. Der eingeschaltete Vertreter der benachbarten Erbengemeinschaft beharrte darauf, dass der ihm gehörende Teil der Sandsteinplatten noch am gleichen Tag zurück gebracht würde, doch entgegen aller Versprechungen sind diese Steine bis auf den heutigen Tag verschwunden.

Als Nachbar versuchte der 1. Vorsitzende des Historischen Verein Alt Füssen zu retten was noch zu retten war, es fand sich aber weder bei der Stadtverwaltung noch am Landratsamt ein kompetenter Ansprechpartner.  Erst das zuletzt verständigte Landesamt für Bodendenkmalpflege in Thierhaupten schickte am 9. Juli einen Archäologen, zu einem Zeitpunkt, als  schon nichts mehr zu sehen war und es nichts mehr zu retten gab.

Fazit dieser für die Geschichte Füssens und ihrer noch lange nicht enträtselten Baugeschichte ist, dass in einer Stadt mit einer solch reichen Vergangenheit keine Anlaufstelle existiert, sich niemand zuständig fühlt und auch, dass weder die sonst so strenge Untere Denkmalbehörde am Landratsamt, noch ein Heimatpfleger sich der Angelegenheit annahm. Das geschilderte Desaster erinnert fatal an die Vernichtung der Via Claudia am Hettenberg bei Roßhaupten, aus deren Geschichte offensichtlich keiner der Beteiligten gelernt hat.

Denkmalpflege in Füssen: Quo vadis?

Mit einigen Aufnahmen der Aushubarbeiten vom  7. bis 9. Juli 2015 soll zumindest die Erinnerung an ein bedeutendes Relikt der Füssener Stadtmauer dokumentiert sein.

Die an dem rätselhaften, unterirdischen Gang verbauten Steine aus der Molasse hatte beachtliche Ausmaße, etwa 120 x 55 x 65 cm und 80 x 80 x 23 cm für die Seitenmauern. Von außergewöhnlicher Größe waren die Decksteine, so z. B. ein Exemplar mit den Abmessungen 110 x 50 x 20 cm.

Die ursprüngliche Abfolge der Bebauung an der Hinteren Gasse enthielt ein Wohngebäude mit bescheidenen Abmessungen, ein zwei bis drei Meter tiefer Hofraum zwischen Haus und Stadtmauer, die Stadtmauer mit einer durchschnittlichen Stärke von etwa 1,30 Meter, der Mauer vorgelagert ein schmales Rasenstück und anschließend der Stadtgraben. Im 19. Jahrhundert wurde der Graben zugeschüttet und oft mit kleinen Gebäuden, etwa Holzlegen und Remisen überbaut. Nur selten entstand ein festes, repräsentables Gebäude wie das Rückgebäude des Hauses Hintere Gasse 15, heute der Familie Münz gehörend. Erst nach dem 2. Weltkrieg setzte eine Bebauung meist ohne Unterkellerung ein, so die nur eingeschossigen Gebäude der Bäckerei Groß oder das Rückgebäude des Hauses Einsle an der Hinteren Gasse 3. Obwohl beim Bau des Hauses Hintere Gasse 5 (Driendl) eine massive Unterkellerung geschaffen wurde bei der man aufschlussreiche Befunde ignorierte, zeichnete sich im Juli 2015 das Profil des Stadtgrabens noch deutlich als dunkler Humusrand ab.

Zwischen den Häusern Hintere Gasse 3 und 7, Driendl und Groß, verlief ein bis in die Anfänge der Stadtgeschichte zurück reichender Kanal zur Ableitung des Oberflächenwassers aus der Gasse in den Stadtgraben. Dieser aus Sandsteinen gemauerte und mit dicken Sandsteinplatten abgedeckte Kanal hatte eine kaum mannsbreite Lücke zwischen den beiden Häusern erzwungen, ein wertvolles, jedoch von niemandem erkanntes Zeugnis Füssener Baugeschichte. Dass das Gerinne dieses Kanals noch im 19. Jahrhundert ausgebessert werden musste bewies ein Glattstrich der Sohle aus einem fetten Zementmörtel. Wie es einmal möglich war, in der schmalen Lücke einen mehrere Zentner schweren Deckstein zu heben und ihn für die Dauer der Reparatur aus der Lücke zu befördern, nötigt noch heute Respekt ab.