Wenn der König inkognito unterwegs war

AZ 24. 08. 2015

Anlässlich des 170. Geburtstags von Ludwig II. erzählt Magnus Peresson unbekannte Geschichten

Dieser Fremde. Nach seiner ersten Einkehr sei er bei dem redseligen Wirt regelmäßig aufgetaucht. Der Wirt habe auch seine Tochter erwähnt, die er gut verheiraten könne. Der Fremde habe ihm zugehört. Dann äußerte er den Wunsch, dass die in der Küche beschäftigte junge Frau, ihr Name ist Gundula, an seinem Tisch kommen möge. Er habe die verweinten Augen der Wirtstochter gesehen und von ihr erfahren, dass sie schon einem anderen Mann ihr Herz geschenkt habe. Eine Heirat allerdings sei ausgeschlossen, erfährt der Fremde.

Der Herr - es geht gut aus - verfügt über die Macht und die Mittel, die er einsetzt, um dem von Gundula ehrlich geliebten armen Schlucker eine gute Anstellung zu geben. Die beiden jungen Leute können folglich ein Paar werden. Der reiche Kandidat bleibt unbeweibt der Dumme.

Der Fremde war König. In der - aus allen Nähten platzenden - Stube des Anton-Sturm-Hauses in Füssen hatte Magnus Peresson am Anfang der Abendveranstaltung legendenähnliche Texte vorgestellt, in denen Ludwig II. es - wie berichtet wird - offenbar liebt, mehr oder weniger inkognito im Grenzgebiet unterwegs zu sein, zu Fuß im hohen Schnee und auch als wilder Reiter, dahinter in der Kutsche des Königs preußische Mutter Marie.

"Das sind alles wahre Geschichten, die man nicht so kennt", sagte der Vorsitzende des Vereins Alt Füssen. Peresson verfügt über einen unglaublichen Fundus an historischem Material. Die kurzweiligen Lesungen werden umrahmt von den Bläsern Reinhold Böck, Hubert Mayer sowie Angie und Roland Kurz. Für "Blech hoch vier" gibt es recht langen, herzlichen Beifall und sogar einen lautstarken Bravoruf. Zwei der Musiker durften an dem Abend anderswo noch auftreten. Das bedeutet, dass Peresson hier mit der Gute-Nacht-Geschichte über die Spieluhr eines Dieners des Königs nach 120 Minuten den offiziellen Teil dieses Hoagarte beendete.

Zugereiste, die sich fragen, was ein Hoagarte überhaupt ist, erfahren dies am besten in einer Veranstaltung mit Peresson, der begleitet von Musikern mit einer besonderen Mischung aus wissenschaftlich geprüften Quellen und den beim Stammpublikum offensichtlich beliebten Geschichtchen aus der Zeit um 1864 aufwarten kann.

Am morgigen Dienstag ist der Geburtstag Ludwig II, der vor 170 Jahren in Nymphenburg geboren wurde. Unzählige Biographien über den Monarchen liegen vor, deren Qualität Peresson in Frage stellt. Er gab Tipps, was wirklich lesenswert ist, zum Beispiel das Taschenbuch "Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten". Die 470 Seiten umfassende Dokumentation enthält zeitgenössische Texte, wie Magnus Peresson betont. Der Herausgeber konnte, was nicht selbstverständlich sei, Material aus dem Wittelsbacher Geheimarchiv verwenden. (ha)