Kulturfahrt nach Florenz

des
Historischen Vereins „ Alt Füssen"
25. Mai – 28. Mai 2006

 

Erster Tag

Donnerstag, 25. Mai 2006
Am Morgen des denkwürdigen 25. Maien AD 2006 versammelte sich auf dem Füssener Platz der Drei Maximiliane der Löwenanteil einer hoch gestimmten Schar von Florenzpilgern, harrend ihres „Pastors architectus“ (Hirten und Architekten) und Mentors (= Magnus Peresson) sowie seines getreuen, rollenden Ekkehard (Toni Kotz), die da kommen sollten. Unschwer war die allgemeine Vorfreude dem herrschenden Stimmengewirr zu entnehmen, wenngleich manche, der rosenfingrigen Eos (= Göttin der Morgenröte) weniger zugetan, noch eine talentvolle Nachahmung des Ausdruckes der „Morgendämmerung“ bei den Medici-Gräbern zur Schau trugen.

Als nun das Fähnlein der 52 Aufrechten – minus der Helmer’schen Avantgarde – erwartungsvoll gen Süden rollte, verfehlte unser stimmlich noch unangeschlagener Cicerone nicht, in bewährter Weise durch literarische Appetithäppchen und Memorabilia aus der älteren und neueren Geschichte – angefangen vom Füssener „Fontifex maximus“ (Brunnenbauer) des Klosters Säben bis zur schwarzen Geiß von Kronmetz – die ungeteilte Aufmerksamkeit auch der Morgenmuffel zu erwecken.

So verging der erste Reisetag wie im Fluge und als der Brenner, die Salurner Klause, jene von Verona und auch die Stätte der Schlacht von Rivoli vorüber gezogen waren, konnten wir die immer wieder sehenswerte Etruskerstadt Misa bei Marzabotto auf uns wirken lassen, die schon wegen ihrer herrlich in die bukolische Landschaft eingebetteten Nekropole ein Muss für jeden Freund der Antike darstellt. Nicht vergessen werden dürfen hier die ersten der feinsinnigen und sachkundigen Anmerkungen unseres vielseitig und gründlich versierten Cicerone zur Städtebaukunst von den Anfängen des Abendlandes bis zur Jetztzeit.

Dergestalt behutsam, mit der Antike beginnend und zu deren Wiedergeburt hingeführt, konnten wir den ersten Tag unserer Fahrt beschließen, um frische Kräfte für deren Zentralpunkt Florenz zu sammeln.


E. Linder

 

 

 

Zweiter Tag







Freitag, 26. Mai 2006
Guten Morgen Florenz – hier sind wir also, voller Freude und Wissensdurst auf Kunst und Kultur. Wir beobachten das morgendliche „Gewimmel“ der geschäftstüchtigen Maler, die einen Verkaufsstand am anderen aufbauen, die Carabinieri, die ihre erste Morgenrunde drehen, die Touristen aus aller Welt. Auch eine Gruppe „Alt Füssener“ reiht sich in die Schlange derer, die in die Uffizien eingelassen werden wollen. Dies geschieht trotz vorbestellter Karten mit italienischer Ruhe und Gelassenheit und nicht ganz so pünktlich.

Uffizien

Die Uffizien gehören zu den bedeutendsten Museen der Welt und zu den ältesten in Europa. Vasari wurde im Jahr 1560 von Cosimo I. de Medici beauftragt, einen großen zweiflügeligen Palazzo „teils im Fluss und teils in der Luft“ zu schaffen, in dem Büros (uffizi) untergebracht werden sollten. Man errichtete einen erhöht liegenden Verbindungsgang zwischen dem Palazzo Pitti und den Uffizien, der noch heute über den Ponte Vecchio und die Kirche Santa Felice führt und in den Boboligarten mündete. Schon zwei Jahrhunderte vor der offiziellen Eröffnung im Jahre 1765 konnte die Galerie auf Anfrage, jedoch nur von einer beschränkten Anzahl von „Liebhabern“ besucht werden. Schon Bocci spricht im Jahre 1591 von der vollkommensten Schönheit dieser Welt, reich an antiken Statuen, edelsten Gemälden und sehr kostbaren Objekten“. …und daran sollte sich bis heute nichts ändern. Einen Augenblick verweilen wir in den Arkaden, mitten unter Vasari, Dante, da Vinci und Michelangelo, bevor wir uns – geführt von Herrn Magnus Peresson – bei der Hand nehmen lassen und uns in ein Reich unendlicher Kunstschätze entführen lassen.

Wir steigen die monumentale Treppe hinauf, vorbei an Büsten und antiken Skulpturen der Medici-Sammlung und wunderschönen Groteskenmalereien auf der Decke zu den Sälen des Giotto, Francesca und Lippi, direkt Botticelli zustrebend. Endlich…wir stehen tatsächlich vor der Geburt der Venus und dem Frühling, viel besprochen und immer wieder auf diversen Medienträgern verewigt. Zeugnisse für die harmonischste und unbeschwerteste Phase des Künstlers. Es verschmelzen Geist und Materie, Idee und Natur.

Im ursprünglichen Medici-Theater finden wir heute die Bilder Leonardos durch diffuses Licht, das durch die Glaskuppel einfällt, erhellt. Wir begegnen Albrecht Dürer und Lukas Cranach dem Älteren, bevor wir uns ganz und gar auf die Malerei des Cinquecento (1500 -1599) einlassen, allen voran die Heilige Familie mit dem Johannesknaben (der so genannte Tondo Doni) des Michelangelo Buonarotti, als eines der rätselhaftesten Bilder des 16. Jahrhunderts und das einzige Bild Michelangelos auf beweglicher Unterlage. Vorbei an Raffaels Madonna mit dem Stieglitz und dem Bildnis Leo X., Tizians Venus von Urbino, Veronese und Tintoretto „lustwandeln“ wir von Saal zu Saal. Ganz benommen von Caravaggios Medusa, die jeden zu Stein verwandelt, der sie betrachtet, landen wir – immer noch ganz benommen – auf der Dachterrasse. Die wohltuenden Sonnenstrahlen, ein starker Espresso und die wundervolle Aussicht über Florenz befördern uns langsam wieder ins Hier und Jetzt.

Nach diesem unvergesslichen Vormittag traf sich die Füssener Gruppe bei Michelangelos David, um gemeinsam eine Mittagspause in der Nähe des Doms (Santa Maria del Fiore) zu genießen und für den nächsten Termin gestärkt zu sein.

Die Loggia dei Lanzi wurde von 1374 -1382 unter der Leitung von Benci di Cione und Simone di Francesco Talenti erbaut. Zu den Werken des kleinen, aber feinen Museums gehören unter anderem sechs stark restaurierte Frauenstatuen sowie die Gruppe Herkules im Kampf. Dies alles ist ein Werk von Giambologna, ebenso die berühmte Skulpturengruppe Der Raub der Sabinerinnen (1583). 1554 wurde in der Loggia ebenso der Bronzeguss von Cellinis Perseus mit dem Medusen-Haupt aufgestellt.

Für die restlichen Stunden dieses zweiten Tages bewegen wir uns wie viele andere wieder in Richtung Dom, Campanile und Baptisterium. Dieses Ensemble bringt einen dazu nicht genau zu wissen, in welche Richtung man den Blick zuerst schweifen lassen soll. Die Fassaden des Doms sind sehr aufwendig und bis ins letzte Detail gestaltet, so dass das Innere des Doms schlicht wirkt und den Blick auf einzelne Details aufmerksam macht. Bis heute im Gedächtnis sind mir die Ruhe, die kühle Luft sowie der dezente Lichteinfall durch vereinzelte Fenster – und mein eigenes Gefühl von Frieden und Stille trotz der vielen Menschen. Auf dem Platz vor dem Dom ist man wieder in Italien, mitten im Leben: gedrängt und geschoben vor den mächtigen Türen des Baptisteriums. Es gelingt uns auch einen Blick auf die Details zu werfen, die einzelnen fein herausgearbeiteten Szenen in den Türen zu betrachten, trotz der vielen Rufe: „Scusi!“ – jeder will eben ein Foto für seine Erinnerungen!

Und so schlendern wir beide – Uta und Andrea – zu David zurück, vorbei an teuren Schaufensterauslagen, Souvenirständen, und Touristengruppen aus aller Welt. Wir genießen noch einmal kurz dieses Leben in Florenz – merken nun wohl die müden Beine, freuen uns auf die Busfahrt zurück ins Hotel und überlegen schon, wo wir heute Abend unsere Pizza und den Vino Rosso bestellen werden.

Kann das Leben schöner sein?


Uta Peter  -  Andrea Helmer

 

 

 

Dritter Tag








Samstag, 27. Mai 2006
Wieder ein klassischer Toskanatag mit angenehmer Temperatur. Während der Fahrt am Fluss Sieve entlang erfreut die Fülle von Grüntönen: das leuchtende, frische Laub, die silbern schimmernden Blätter der Olivenbäume, daneben ganz anders die dunklen Schirme der Pinien, dazwischen immer wieder die fast schwarzen Flammen der Zypressen. Kutscher Anton (Toni Kotz) liefert seine Straßenbenützungsgebühr ab und wenig später laufen wir durch enge Gassen zum Bargello. Der hohe, finstere Bau war einst Sitz des Polizeichefs („Bargello“), Kerker und sein Innenhof Richtplatz.
Das Prozedere an der Kasse ist erfreulich kurz und so versammeln wir uns gleich nebenan im Saal des Michelangelo. Zum Greifen nahe ist der trunkene Bacchus des jungen Bildhauers, sodann der Tondo Pitti, ein Rundrelief mit Madonna und Kind und der so genannte „Brutus“, eine Büste, die zeitgleich mit dem Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle entstanden ist.
Schließlich umrunden wir den David-Apollo, eine Statue, die als Apollo angelegt, später zum David umgearbeitet und wie die meisten anderen Werke Michelangelos nie fertig gestellt wurde. Die Apollo-Hand, die einen Pfeil aus dem Köcher ziehen sollte, ist jetzt zur Schleuder haltenden Hand Davids geworden. Man sieht die Spuren der verschiedenen Eisen, die der Bildhauer gebraucht hat – es ist gerade so, als ob er gerade vor die Türe getreten wäre, um gleich wieder, weiß vom Marmorstaub, die Arbeit aufzunehmen.
Das Auge hat sich an das blendende Weiß des Marmors schnell gewöhnt und als wir hinaus in den Innenhof treten, da tauchen wir ein in eine Flut von warmen Farben: der rote Ziegelboden im Fischgrät-Verband und das Rotbraun der Mauern aus Bruchsteinen, es ist aber das unvergleichliche Blau des Himmels über dem noch schattigen Hof, das alles so zum Leuchten bringt. Über die breite Freitreppe steigen wir hinauf zur Loggia mit den Tierskulpturen aus Bronze von Giambologna und zu einer hinreißend schönen Nackten, die ihr Schöpfer als Allegorie der Architektur verstanden wissen wollte.
Wehmütig denke ich daran, dass in früheren Zeiten Architektur nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön sein musste.

Im Saal des Donatello bewundern wir Michelangelos Vorbilder: den David aus Marmor und denjenigen aus Bronze und einen heiligen Georg und alle vermitteln das Neue dieser Zeit, die Entdeckung des Menschen und seiner Persönlichkeit.
Tempo, Tempo. Gerne würden wir bleiben, doch das Museum ist groß und unsere Zeit knapp.

In der Nähe des Doms gibt es einen Teller Teigwaren, dazu ein „Achtele“ Rotwein. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.

Dann treffen wir uns am Domplatz, gehen die Straße hinunter zur Accademia. Die von Angela Helmer reservierten Eintrittskarten erlauben einen raschen Zutritt vorbei an der langen Reihe Wartender. Der Kontrolleur ist sehr freundlich, seine Gesichtszüge sind mir bekannt, aber woher sollte ich ihn wohl kennen?

Grazie, „molto gentile“, schon sind wir an ihm vorbei und dann stehen wir in dem großen, kirchenähnlichen Raum, der eigens für Michelangelos Werke gebaut wurde. Links und rechts stehen die Sklaven, tonnenschwere, blütenweiße Blöcke aus carrarischem Marmor – grob behauen – und doch, da schiebt sich ein Knie aus dem Stein, dort ein muskulöser Oberkörper, beim dritten löst sich ein grober Kopf aus der harten Masse und gegenüber hebt sich ein bärtiges Gesicht dem Licht entgegen.

Als Michelangelo einmal gefragt wurde, wie er seine Meisterwerke ersinne, erwiderte er erstaunt, dass sich die Gestalten alle im Stein verbergen. Er müsse nur das weghauen, was darum herum sei!

Langsam schieben wir uns nach vorn, vorbei an der uns bekannten Pieta von Palestrina, immer näher an die Vierung heran, wo in ein mildes Licht getaucht, der Gigant steht, der David, wahrscheinlich die berühmteste Plastik der Kunstgeschichte überhaupt. Der junge Michelangelo hat ihn 1501 – 1504 aus einem verhauenen, d. h. einem als unbrauchbar geltenden Block herausgearbeitet und vollendet.

Was die Menschen an diesem David schon damals fesselte, war die neue Sichtweise; noch Donatello hatte unseren Helden nach altem Herkommen dargestellt: nach dem Sieg, ein Bein auf das abgeschlagene Haupt des Riesen Goliath gestellt.
Michelangelo zeigt einen ganz anderen David: dieser steht voller Spannung dem Riesen gegenüber, die eine Hand hält den Stein, die andere das Ende der Schlinge, die dem Stein die tödliche Richtung geben wird.
Das entschlossene Gesicht verrät höchste Konzentration, es geht um Sein oder Nichtsein. Schon für die Zeitgenossen war klar, dass dieser David viel mehr war als nur eine Gestalt aus dem Alten Testament. Dieser David war seit dem Tag, an dem die Florentiner ihn zum ersten Mal bestaunten, das Symbol der Freiheit.
Unsere Füssener sitzen fast ein wenig erschöpft auf der Steinbank in der Exedra hinter dem David und bewundern dessen vollendete Anatomie.

Beim Verlassen der Accademia sehe ich den Biglietti-Kontrolleur noch einmal und auf einmal weiß ich, woher ich ihn kenne; er hat das Gesicht des David, braungebrannt zwar und schlecht rasiert, den Kopf voller schwarzer Locken und freundlich – aber sein Gesicht ist das des David.

Der Weg nach San Lorenzo ist nicht weit und der Andrang dort erstaunlich gering. Auf verschlungenen Wegen, treppauf, treppab, und quer durch die Fürstenkapelle erreichen wir die so genannte neue Sakristei mit den Medici-Gräbern. Michelangelo hat in vierzehnjähriger Arbeit Raum und Ausstattung geschaffen. Zwei Söhne der mächtigen Familie, der Generalissimus Giuliano und ihm gegenüber Lorenzo, il pensieroso (=der Nachdenkliche), beherrschen den Raum, ihnen zu Füßen Tag und Nacht, Morgen und Abend, die Allegorien für zielbewusstes Leben und beschauliche Betrachtung.
Wir haben jetzt ein wenig Muße; die meisten sind schon auf dem Weg zu einem Cappucino, einige wenige sitzen noch da und kommen, wie ich selbst, nicht los von diesem Raum.

Woher kommt die Faszination, die von Michelangelos Skulpturen ausgeht?
Seit ich im Alter von elf Jahren zum ersten Mal Michelangelos römische Pieta gesehen habe und durch die von ihm geplante Kuppelkonstruktion von St. Peter gestiegen bin, hat mich dieser weltbekannte und doch so rätselhafte Mann nicht mehr losgelassen. Später, ich mag sechzehn gewesen sein, hatte mir der Vater Hermann Grimms immer noch gültige, dickleibige Michelangelo-Biographie gegeben, und ich weiß noch gut, dass es Wochen gedauert hat, mich durch dieses Buch zu arbeiten.

Endlich reißen wir uns los und schlendern hinüber zur Piazza della Signora, wo sich die Füssener allmählich zu Füßen des Davids einfinden.
Die voluminöse, humorvolle Signora an der Kasse des Palazzo Vecchio macht den Kauf der Eintrittskarten zu einem heiteren Spectaculum und wieder steigen wir eine Treppe hinauf, diesmal in den „Saal der Fünfhundert“. Hier findet für heute die letzte Begegnung mit Michelangelo statt. An der Längswand steht ein bis dato rätselhaftes Werk, eine Plastik, die eine jugendliche Gestalt zeigt, die halb auf einen am Boden kauernden bärtigen Alten kniet. Vittoria „Sieg“ ist die offizielle Bezeichnung und man glaubt, dass sie für das Juliusgrab gedacht war.
Nun löst sich die Gruppe auf. Einzeln durchwandern wir den riesigen Bau, der eine oder andere registriert in einem der Räume das große Wandbild mit dem Kampf um die Festung San Leo (die wir im Jahr 2002 von Ravenna aus besucht hatten, damals noch mit Reinhold Böhm). Im Studiolo mit den Landkarten entdeckt mancher auch auf einer Karte des 16. Jahrhunderts „unser Füssen“, in der Loggia, ganz oben, trifft man sich wieder, freut sich, ist aber gleich wieder ein bisschen traurig, denn morgen geht es schon wieder heim.

Und dann treffen wir uns zum letzten Mal „beim David“. Bis sich alle eingefunden haben, genießen wir das Treiben auf der Piazza.
Alle diese Menschen, die aus den Museen strömen und über den Platz flanieren, sich lachend vor dem David, vor Judith oder Herkules fotografieren lassen oder drüben im Cafe einen Espresso schlürfen, sie alle haben etwas gemeinsam, nämlich die Lust auf Neues, das Interesse für Kunst, die Liebe zum Schönen. Das Schöne aber ist göttlich.

„Andiamo“. Es ist Zeit zu gehen, ein Blick noch einmal zurück zum David und erfüllt von einem schönen, erlebnisreichen Tag laufen wir auf dem weg entlang des Arno zum Bus und fahren die Sieve hinauf, ins Quartier.
Die Palette von Grüntönen aber, die mich am Morgen so erfreut hatte, ist jetzt ein wenig weicher, ist um einen feinen, warmen Schimmer reicher, vom Widerschein der untergehenden Sonne.


Magnus Peresson

 

 

 

Vierter Tag








Sonntag, 28. Mai 2006
Heute ist unser letzter Reisetag. Wir werden noch einen halben Tag in Florenz verbringen. Auf dem Programm stehen der Besuch des Palazzo Pitti und des Boboli-Gartens.

Nach einem letzten italienischen Frühstück verstauen wir unser Gepäck im Reisebus und nehmen Abschied von unserem Multi-Kulti-Hotel Moderno in Pontassieve. In rascher Fahrt durch die Vororte, zeitweise am Arno entlang, erreichen wir Florenz. Noch einmal genießen wir den sonnigen Morgen und den schönen Ausblick auf die toskanische Hügellandschaft mit den hier typischen Zypressen und Pinien. Die Straßen werden gesäumt von den inzwischen voll erblühten Oleandersträuchern. Dieser Anblick verstärkt unser Urlaubsgefühl.

In Florenz überqueren wir den Arno. Wir sehen den Ponte Vecchio, die älteste Brücke von Florenz, die 1345 an der engsten Stelle des Arno erbaut wurde. Noch herrscht Ruhe, bevor der Touristenstrom die vielen Goldschmiedeläden belagert. Seit 1564 führt ein überdachter Gang vom Palazzo Vecchio über die Uffizien, den Ponte Vecchio zum Palazzo Pitti. Diesen privaten „Korridor“ ließ Cosimo I. zur Hochzeit seines Sohnes Francesco von Vasari erbauen, der dafür nur fünf Monate brauchte. Der Geheimweg des Fürsten, einen Kilometer lang, ermöglichte es ihm, sich rasch vom Palazzo Vecchio, dem Regierungssitz, zum Palazzo Pitti, der Privatresidenz, zu begeben, ohne sich unters Volk zu mischen. Es bestand immer die Gefahr eines Anschlags.

Zuerst halten wir auf dem Piazzale Michelangelo an. Der Panoramablick von dort ist ein Muss. Die Statue in der Mitte des Platzes stellt Michelangelos David dar. Inzwischen ist er uns vertraut wie ein Freund. Er war unser täglicher Treffpunkt vor dem Palazzo Vecchio. Das Original durften wir in der Accademia bewundern. Am 8. September 1504 wurde die Statue dem großen Publikum vorgeführt. Die dicht gedrängt auf dem Platz stehende Menge war tief beeindruckt von der Schönheit der nackten Statue. Uns erging es ebenso und ich hoffe, ich werde noch einmal eine Verabredung mit David haben.
Aber nun genieße ich erst einmal den herrlichen Blick über Florenz. Sonntägliches Glockengeläut verstärkt die schöne Stimmung. Wie haben die Menschen früher hier gelebt, gefühlt? Wie geht es ihnen heute mit all den Veränderungen? Würde ich hier leben wollen? Aus diesen Gedanken reißt mich die Realität der Verkaufsstände. Wie nun schon öfters werde ich Zeuge der lustigen Beratungsgespräche einiger Reiseteilnehmerinnen, das bewusste Mitbringsel –eine Short mit gewagter Detailansicht Davids – zu kaufen oder nicht. Wem kann man so etwas schenken? Wie kommt es an? Ich warte die Kaufentscheidung nicht ab, verlagere meinen Standort und suche mir einen anderen Blickwinkel auf die Stadt und die Hügel.

Bald geht unsere Fahrt weiter zum Palazzo Pitti, vorbei an schönen Villen und Gärten. Diese Arnoseite ist bekannt für ihre Handwerker, die mit den verschiedensten Materialien wie Leder, Silber, Bronze, Marmor, Holz, Papier und vielem mehr, kunstvolle Arbeiten gestalten. Da uns der Bus nicht bis zum Eingang bringen kann, laufen wir durch Gassen mit Läden und Werkstätten, bis wir die riesige Steinfassade des Palazzos sehen. Wir überqueren den seltsam schmuck- und pflanzenlos davor liegenden, nach unten abfallenden Platz.

Nach der üblichen Prozedur – Karten für die „Jüngeren“, Ausweiskontrolle der „Älteren“ – betreten wir den Innenhof des Palazzos. An dieser Stelle möchte ich meine Bewunderung für unsere „Älteren“ aussprechen. Das Interesse, die Begeisterung und das Durchhaltevermögen sind für mich vorbildlich. Obwohl ich zu den „Jüngeren“ gehöre, war ich oft für eine Sitzgelegenheit und eine Pause dankbar.

Der trutzige Bau des Palazzos wirkt wie eine Festung. Sicher war dies auch der Grund, dass seit den Medici alle Regierenden der Toskana sich diesen Palast zur Residenz gewählt haben. Ursprünglich hatte im 15. Jahrhundert ein reicher Bankier namens Luca Pitti als erster auf dieser Arnoseite gebaut. Er beauftragte Brunelleschi mit dem Bau. Dieser starb jedoch kurze Zeit später und hinterließ die Leitung der Bauarbeiten seinem Lieblingsschüler Luca Fancelli, der den Entwurf seines Lehrers übernahm.

Durch einen zweiten Eingang betreten wir den Boboli-Garten. Unser erster Weg führt zur Grotte des Bernardo Buontalenti. Zwischen den Felsen sieht man Statuen von Hirten und Schafen sowie Fresken von exotischen Tieren. In den Ecken sind Kopien der Gefangenen von Michelangelo, die halb unter Stalaktiten verschwinden, wie in einer echten Grotte. Durch die Öffnung in der Decke wirft ein großes, mit Wasser gefülltes Glasbecken die Sonnenstrahlen zurück und erzeugt interessante Lichteffekte. Unweit der Grotte entdecken wir einen Brunnen mit einem dicken, nackten Mann, reitend auf einer Schildkröte. Das ist der Brunnen der Bacchini und der Dicke ist der Zwerg Morgante, ein Hofnarr, der Cosimos Gunst genoss. An blühenden, duftenden Rosenbeeten vorbei führt ein ansteigender Weg zu einem Pavillon. Auch hier haben wir wieder eine schöne Aussicht auf die Stadt mit ihren fantastischen Türmen und nicht nur das, auf einer Ruhebank sitzt das leibhaftige Modell des Zwerges Morgante, allerdings bekleidet und recht lebendig.

Der Park lädt zum Verweilen ein mit seinen überwachsenen Laubengängen, verwinkelten Pfaden und Plätzen. Ich entschließe mich, einer Empfehlung zu folgen, besuche den Rosengarten und bin bezaubert. Große Beete mit Pfingstrosen in Pink verströmen einen verführerischen Duft, dazwischen Rosen in allen Formen und Farben. Leider habe ich meinen Fotoapparat nicht dabei und nach einer diesbezüglichen Bemerkung zu einem Mitreisenden bekomme ich die weise Antwort: „diesen Eindruck muss man im Herzen bewahren“. Recht hat er, denn diesen Rosenrausch kann keine Kamera einfangen. Ein kleines Museum mit wunderschönem Porzellan und prachtvollen Gefäßen lädt zum Schauen ein. Doch die Zeit eilt und ich möchte im Café noch eine Kleinigkeit essen, bevor wir die Weiterfahrt antreten. In freundlicher Begleitung mache ich mich auf den Weg und noch einmal erschließt sich mir die Großartigkeit dieses Gartens. Ja, hier möchte man sich länger aufhalten.

Im Café erhaschen wir noch einen freien Tisch - und plötzlich ist es wieder da, dieses mediterrane Ich-habe-viel-Zeit Gefühl. Herumsitzen, Espresso trinken, Leute betrachten und die Wärme genießen. Es bleibt auch noch genug Zeit für einen Rundgang durch das Museum. Wieder gibt es viele Kostbarkeiten zu sehen. Wundervolle Einlegearbeiten und eine Sammlung goldener Teller mit beeindruckenden Motiven bleiben mir in Erinnerung. Die Galleria Palatina, die Gemäldesammlung des Palastes, wäre ein eigener Programmpunkt. Diesmal reicht die Zeit nicht, trotzdem verbleiben mir noch einige Minuten, letzte Eindrücke bewusst aufzunehmen, bis sich die Gruppe sammelt und gemeinsam zum Bus geht.

Ciao Florenz!, du prachtvolle, geheimnisvolle, lebendige Stadt, nun heißt es endgültig Abschied nehmen.

In einer Merian-Ausgabe wird „der Geist von Florenz“ so beschrieben: Florenz ist die einzige Stadt in Italien, mit deren Namen sich ein Begriff verbindet – Fiorentinità: eine Kombination von Geschäftssinn und Glaubenseifer, humanistischem Denken und beißender Spottlust, schroffem Realismus und verfeinertem Geschmack, Tiefgründigkeit im Abstrakten und Harmonie im Konkreten.

In schneller Fahrt geht es nun Richtung Heimat. Mit schweren Lidern nehmen wir die Landschaft wahr und die meisten gönnen sich ein Mittagsschläfchen. Unsere erste kurze Rast ist bereits in Südtirol. Schlechte Nachrichten kursieren. Lange Staus auf der Autobahn, Regen und Kälte zuhause. Wir bekommen ein „Zuckerl“ geschenkt. Kurzerhand wird die Fahrtroute geändert. Wir fahren durch den Vinschgau und über den Reschenpass. Schön ist die Abendstimmung, die letzten Sonnenstrahlen, die Burgen, die schneebedeckten Gipfel. Schon künden Wolkenballungen das schlechte Wetter an. Als wir die unheimliche Schlucht Finstermünz durchfahren, ist es wirklich finster und es regnet in Strömen. Nach einer schnellen Rast im Inntal drängt es alle nach Hause. Es regnet und regnet. In Füssen hat der Wettergott ein Einsehen und legt eine kurze Pause ein. Welche Wetterlage uns in folgenden Tagen heimsucht, hat jeder bestens in Erinnerung. Umso schöner erglänzen die Sonnentage unserer Reise. Wir bedanken uns recht herzlich bei den Organisatoren, besonders natürlich bei Herrn Peresson, der mit viel Engagement und Wissen die Reise führte. Nächstes Jahr sind wir wieder dabei, lieber Herr Peresson, und wir folgen Ihnen überall hin, Hauptsache es geht Richtung Süden.


Ernestine Stolz